Kommentar

Stärke zeigen

Inna Hartwich spricht der Haltung der Bundeskanzlerin gegenüber dem russischen Präsidenten Respekt aus

 

Es bleiben ihr nicht einmal zwei Stunden. Wenig Zeit, um die Krisen dieser Welt zu besprechen. Die Annexion der Krim, die Lage in der Ostukraine, in Syrien, in Iran, Israel, das Verhältnis zu den USA, die Sanktionen, die Hackerangriffe, zuletzt das Hin und Her mit dem Visum für einen deutschen Sportjournalisten. Es ist eine lange Liste, die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin durchgehen müsste. Es liegt in der Natur der Sache, dass für all diese Themen ein eineinhalbstündiges Treffen nicht ausreicht. Das gemeinsame Gespräch ist jedoch ein wichtiges Symbol, dass Deutschland und Russland – allen Verstimmungen zum Trotz – tief miteinander verbunden sind.

Merkel tritt Putin seit jeher kühl entgegen. Das Macho-Gehabe des einstigen KGB-Agenten, der das Geheimdienst-Denken teils tief in seinem Kopf verankert hat, passt nicht zum nüchternen Stil der Frau, die von klein auf mit der sowjetischen Ideologie konfrontiert war. Man mag Merkel für ihre Emotionslosigkeit belächeln. Bei Ländern autokratischen Zuschnitts hat Merkel jedoch immer Haltung bewiesen. Genau das, was ein Putin, ein Erdogan, ein Xi brauchen – und durchaus schätzen, weil das Einstehen für etwas ihnen imponiert, weil es Stärke bedeutet.

Russland ist ein schwieriger Partner, das hat Merkel nie verhehlt. Und doch ist es ein Partner, ohne den es im Lösen internationaler Konflikte nicht vorangeht. Deutschland spielt in den Augen der Russen eine starke Rolle innerhalb Europas, aber auch auf der Weltbühne. Die Russen schätzen die Deutschen. Es ist die historisch gewachsene Verbundenheit, die über einiges hinwegsieht – und am Ende doch weiß: Wir sind aufeinander angewiesen. Auch Berlin weiß das. Merkel geht mit diesem Erbe behutsam um, indem sie vor Putin nicht kuscht.

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