Kommentar

Stellvertreterkrieg

Archivartikel

Inna Hartwich zu den Entwicklungen in Syrien: Es kämpft jeder gegen jeden – ohne eine Exit-Strategie

 

Erst vor wenigen Tagen waren sie zusammengekommen, um dort Einigkeit zu demonstrieren, wo keine Einigkeit ist. Russlands Präsident Wladimir Putin strahlte zusammen mit seinen Amtskollegen aus der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, und dem Iran, Hassan Ruhani, in die Kameras. Die Profiteure des Krieges in Syrien präsentierten sich als friedensstiftendes Trio, das bereits vor einem Jahr sogenannte Deeskalationszonen vereinbart hatte. In ihnen sollten die Waffen der Kriegsparteien schweigen. Das tun sie mitnichten.

Die Lage verschärft sich, in den vergangenen Wochen nahm die Intensität der Kämpfe gleich an mehreren Fronten zu. Es zeigt sich in diesen Tagen wieder stärker als zuvor, dass dieser Krieg der Kriege auf syrischem Gebiet ein Stellvertreterkrieg zwischen Russland und dem Westen ist. Aus Duma werden Bilder von leblosen Körpern von Frauen, Männern, Kindern verbreitet, manche Menschen haben Schaum vor dem Mund. Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten gehen von einem Giftgasangriff aus, Russland spricht – fast schon reflexartig – von „Provokation“ und „antirussischer Kampagne“.

Im Zusammenhang damit steht mittlerweile auch das Bombardement einer Militärbasis in der Provinz Homs. Russland macht Israel dafür verantwortlich, es wäre nicht das erste Mal, dass die israelische Armee diese Militärbasis angegriffen hätte – ohne in den syrischen Luftraum einzudringen. Israel schweigt zu dem Vorfall. Es greift die Strategie eines jeden Krieges: angreifen, beschuldigen und dann schweigen.

Der perfide Feldzug von Baschar al-Assad gegen die eigene Bevölkerung geht weiter, Millionen Menschen fliehen, Hunderttausende sind gestorben. Dass er weitergeht, ist dem militärischen Eingreifen Russlands und Irans geschuldet. Jede Kritik an Russland verpufft aber an den Kreml-Mauern, sie verstärkt noch die Wagenburg-Mentalität der Moskauer Führung. US-Präsident Donald Trump sieht die Schuld fürs Abwerfen von Fassbomben – wobei keine unabhängige Untersuchung in Ost-Ghuta dazu derzeit möglich ist – bei Russland und Iran.

So gehen die Sanktionen, die Amerika gegen russische Oligarchen und deren Unternehmen verhängt hat, tatsächlich weiter als jene, die die USA, die EU und weitere Staaten nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim gegen Russland beschlossen hatten. Moskau spricht dabei, ebenfalls geradezu automatisch, von „harter Antwort“. Das Prinzip „Wie du mir, so ich dir“, das sich zuletzt auch bei den Diplomatenausweisungen zwischen Russland und dem Westen im Fall des vergifteten Ex-Doppelagenten Sergej Skripal zeigte, es zeigt sich auch hier – während die Syrer, aber auch russische und iranische Soldaten, weiter sterben. Weder die Assad-Verbündeten noch die Assad-Gegner haben eine Exit-Strategie aus diesem Krieg, der seit sieben Jahren andauert und immer wieder zu Tage fördert, dass sich Moskau und der Westen immer weniger zu sagen haben.