Kommentar

Sträflich unterschätzt

Birgit Holzer erwartet nach dem Pariser Messerangriff überzeugende Antworten vom französischen Innenminister – sonst droht ein Skandal

Während Frankreichs Polizisten noch um ihre brutal ermordeten Kollegen trauern, werden schockierende Schwachstellen innerhalb der Organisation des Nachrichtendienstes der Pariser Polizei offensichtlich. Dass ein religiöser Eiferer, der Kontakte zu Salafisten pflegte und eine umstrittene Moschee besuchte, ausgerechnet in einer hochsensiblen Abteilung arbeitete, die unter anderem für den Kampf gegen Extremisten zuständig ist, erscheint einfach unfassbar.

Zwar könnte der Wunsch nach persönlicher Rache an seinen Kollegen die Bluttat mit motiviert haben. Doch der berufliche und persönliche Frust des Täters geriet im Zusammenspiel mit seinen radikalen Einstellungen zu einem Risiko, das von den zuständigen Behörden sträflich unterschätzt wurde.

Ebenso beunruhigend ist aber auch der Umgang mit diesen Informationen: Zurecht muss sich Innenminister Christophe Castaner fragen lassen, ob unliebsame Informationen bewusst zurückgehalten wurden und warum er zunächst so vehement jeden Verdacht auf eine mögliche Terrorspur zurückwies.

Sollte er keine überzeugenden Antworten geben können, droht der aktuellen Regierung und dem Macron-Vertrauten Castaner, der ohnehin durch sein scharfes Auftreten während der Gelbwesten-Proteste umstritten ist, ein handfester Skandal.