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Martin Dahms verlangt nachvollziehbare Strategien zum Alltag mit dem Coronavirus in Spanien

Die spanische Regierung hat das Richtige beschlossen: einen langsamen, flexiblen Ausstiegsplan aus der Superquarantäne. Langsam ist richtig: weil in Spanien immer noch sehr viele Menschen an Covid-19 erkranken und sterben. Flexibel ist richtig: weil die künftige Entwicklung heute noch nicht absehbar ist, und weil diese Entwicklung von Region zu Region ganz unterschiedlich ist.

Die Menschen auf den Kanarischen Inseln werden schneller zur Normalität zurückkehren können als die Menschen in Madrid. Das leuchtet den meisten ein. Das Verständnis für die Ausgangssperren, für die härteste Quarantäne Europas, ist in Spanien überwiegend enorm.

Die Spanier sind hart im Nehmen. Sie sind es eigentlich gewöhnt, draußen auf der Straße zu sein, ihre Freunde zu umarmen und zu küssen, am Sonntag mit der ganzen Familie zu essen. Das dürfen sie alles seit sechs Wochen nicht mehr. Stattdessen sind sie mit ihren Kindern in der Wohnung gefangen. Sie klagen kaum.

Umso lauter klagt die konservative Opposition. Die Regierung macht es ihr aber auch leicht. Ihre Kommunikationspolitik ist ein Desaster, sie ist selbstgefällig und unfähig, auch schwere Fehler – wie die verspätete Reaktion auf den Ausbruch der Pandemie – einzugestehen.

Die gutwilligen Spanier hätten eine bescheidenere Regierung verdient. Und eine, die langfristig zu denken verstünde. Ihr Handlungsprinzip ist das des Hoffens und Bangens. Das ist gar nicht das schlechteste: schlechter wäre das Prinzip der Ignoranz. Aber es fehlen – wie fast überall in Europa – Strategien, wie mit diesem Virus in Freiheit zu leben wäre.

Manche wünschen sich einen Staat, der sich in nichts einmischt, schon gar nicht in ihre Körperhygiene. Was geht es die Kanzlerin an, wie gut und oft ich mir die Hände wasche, sagt sich vielleicht der eine oder die andere Deutsche.

Doch wir brauchen einen starken Staat. Spanien hat gezeigt, was geschieht, wenn der Staat zu lange schwach bleibt. Jetzt muss der zweite Schritt getan werden: die Ausweitung der Testkapazitäten, um bestenfalls jeden Menschen testen zu können. Wenn das nicht geht, dann braucht es eine Corona-App für alle. Aber darüber hat in Spanien leider noch nicht einmal eine Debatte begonnen.

 
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