Kommentar

Stressiger Urlaub

Archivartikel

Madeleine Bierlein ist der Ansicht, dass komplett durchgetaktete Ferien der Erholung schaden können

Endlich frei! Mit dem Schuljahresende in Baden-Württemberg und Bayern haben auch in den letzten Bundesländern die Sommerferien begonnen. Nun heißt es: Spaß haben, entspannen, dem Stress und der Hektik des Alltags entkommen.

Doch die Realität sieht oft anders aus: Fahrzeugkolonnen schieben sich bei brütender Hitze über die Autobahnen, an Bahnhöfen und Flughäfen warten Tausende auf ihre Züge und Flüge. Viele Sehnsuchtsorte sind überfüllt, leiden angesichts der Heerscharen von Urlaubern unter sozialen und ökologischen Folgeschäden. Die Wortneuschöpfung „Overtourism“ (zu viel Tourismus) macht die Runde. Eines ist unbestritten: Der Mensch braucht Ruheperioden. Auf Phasen der Anspannung muss Entspannung folgen, sonst drohen Körper und Seele zu überhitzen. In unserer digitalisierten, optimierten, sich schneller drehenden Welt scheint der Urlaub einen willkommenen Ausweg zu bieten. Endlich Zeit, innezuhalten, Kraft zu tanken und sich auf sich selbst zu besinnen.

Doch die Sache hat zwei Haken: So kann Urlaub zwar ein Segen für Erholungssuchende sein. Aber seine Heilkraft kennt Grenzen. Monatelangen Raubbau an Seele (oder Körper) kann er nicht kompensieren. Der Mensch benötigt auch im Alltag Pausen, Stichwort Work-Life-Balance. Wer aber beständig die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit überschreitet, wird davon krank. Daran ändern auch drei Wochen Rucksackurlaub in Australien nichts.

Hinzu kommt, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Jahrelang perfektionierte Effizienz färbt auf das Freizeitverhalten ab. Und so beobachtet man immer häufiger, dass Urlaubshungrige die vermeintlich schönste Zeit des Jahres generalstabsmäßig durchplanen. Und zwar ganz so, wie sie Aufgaben in ihrem Beruf angehen würden – mit To-do-Listen und Zielvorgaben. Entsprechend sieht dann der Urlaub aus: Sehenswürdigkeiten werden abgeklappert, Berge erklommen, Buchten erkundet. Und selbst viele, die ganz explizit Ruhe suchen, machen dies mit größtmöglicher Effektivität. Dann aber soll der zweitägige Aufenthalt im Kloster bitte auch das angestrebte Ergebnis liefern. Tut er es nicht, wird der nächste Aufenthalt noch genauer geplant.

Doch effiziente Entspannung ist ein Trugschluss, ein Widerspruch in sich. Damit, die Seele baumeln zu lassen und wirklich dem Hamsterrad zu entkommen, hat dieser Hochleistungsurlaub längst nichts mehr zu tun.

 
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