Kommentar

Stresspegel steigt

Hagen Strauß plädiert zum Schutz von Radfahrern für mehr ausgewiesene Wege in den Städten und höhere Strafen bei Regelverstößen

Wenn das so weitergeht, dann hat sich das hehre Ziel, das die EU-Kommission vor einigen Jahren ausgegeben hat, hierzulande bald erledigt: 2050 soll „nahezu“ niemand mehr auf den Straßen sterben. Bis dahin ist noch Zeit, gewiss. Doch in Deutschland geht der Trend wieder in die andere Richtung. 3275 Verkehrstote im vergangenen Jahr, 95 mehr als noch 2017. Darunter viele Radfahrer. Jeder Einzelne ist einer zu viel.

Selbstverständlich halten die Zahlen keinem Vergleich zu den 1970er Jahren stand, als noch Zehntausende Menschen im Straßenverkehr ihr Leben ließen. Der Gurt, der Airbag, die Antiblockiersysteme haben Autos und Motorräder sicherer gemacht. Und die Entwicklung zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr ist noch lange nicht an ihre Grenzen gestoßen. Die Fahrzeuge werden immer intelligenter und können damit Gefahren verringern. Schon jetzt gibt es eine neue Generation der Assistenzsysteme; Kameras oder Radarsysteme beobachten dann die Umgebung für den Fahrer. Künftig wird über das Internet mit anderen Fahrzeugen „kommuniziert“, dann erfolgt eine Warnung, wenn eine Kollision droht. Oder das System greift gleich ein.

Das alles ist keine Zukunftsmusik mehr. Doch am Hauptproblem ändert auch die schöne neue Verkehrswelt nichts – der Kampf um Raum und Platz auf den Straßen hat sich in den letzten Jahren erheblich verschärft. Das dürfte eine Ursache dafür sein, dass die Zahl der getöteten Radfahrer so erheblich gestiegen ist. Es wird immer enger, der Stresspegel steigt, und damit wachsen Rücksichtslosigkeit und das Risiko für jeden Verkehrsteilnehmer.

Die Politik predigt zwar Veränderungen im Mobilitätsverhalten, die Nutzung des E-Rollers als städtische Alternative zum Auto. Doch das System Straße ist der steigenden Zahl der Verkehrsteilnehmer in allen Bereichen schon lange nicht mehr gewachsen. Breite Radwege gibt es höchstens auf dem Land, aber nur selten in der Großstadt. Obwohl die Zahl der Radler kontinuierlich zunimmt, richtet sich die städtische Verkehrspolitik noch zu oft am Auto aus statt an einem guten Miteinander aller.

Es gibt kommunale Gegenbeispiele, wie es bessergehen kann. Aber eben zu wenige. Denn diese Modelle sind teuer, aufwendig und erfordern kreatives Denken. An allem fehlt es zu oft. Weil eine partnerschaftliche Verkehrswende ausbleibt, ist die Straße zur Kampfzone geworden. Viele Verkehrsteilnehmer sehen in Regelverstößen nur noch Kavaliersdelikte. Auch das ist nicht hinnehmbar. Höhere Strafen schrecken ab und schützen. Wer zum Beispiel in den Niederlanden die Geschwindigkeit nur leicht überschreitet, wird deutlich stärker zur Kasse gebeten als in Deutschland. Entsprechend entspannter fährt es sich dort. Für Radfahrer gilt das sowieso.

 
Zum Thema