Kommentar

Strohfeuer

Madeleine Bierlein ist der Meinung, dass es weit mehr braucht als nur eine Rückkehr-Prämie für ehemalige Pflegekräfte

 

Mit 5000 Euro lässt sich so mancher Wunsch erfüllen. Man kann damit zum Beispiel in den lang ersehnten Urlaub fahren, den Grundstock für ein neues Auto legen oder das Kind in Ausbildung unterstützen. So oder so: Für viele einstige Fachpflegekräfte dürfte die vom neuen Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung vorgeschlagene Rückkehr-Prämie interessant sein. Und dennoch: In der gestern präsentierten Form hat sie allenfalls das Zeug zum Strohfeuer.

Dabei ist der Ansatz durchaus löblich. Noch immer verlassen zu viele Pflegekräfte wegen hoher Arbeitsbelastung und fehlender Anerkennung ihren Job oder reduzieren die Arbeitszeit. Das aber verstärkt den Druck auf die verbliebenen Kollegen – eine Abwärtsspirale. Die Prämie für Rückkehrer und Teilzeitkräfte, die aufstocken, könnte dieser Entwicklung etwas entgegensetzen. Sie wäre ein Signal, dass sich etwas tut in der Pflege. Nur: Was ist, wenn der kurzfristige Geldsegen aufgebraucht ist? Und was geschieht mit all jenen, die ihrem Beruf in diesen schweren Zeiten treu geblieben sind? Gehen sie leer aus?

Mit einer einmaligen Finanzspritze lässt sich der Pflegenotstand in Deutschland nicht beheben – und vermutlich nicht einmal lindern. Was es stattdessen braucht, ist eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Denn sie sind es letztlich, die erschöpfte Pfleger aus dem Beruf treiben.

Der von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angekündigte allgemeinverbindliche Tarifvertrag etwa hätte nicht nur Signalwirkung, sondern wäre auch nachhaltig. Doch dessen Verwirklichung scheint mittlerweile aufgrund rechtlicher Bedenken in weite Ferne gerückt zu sein, wie Arbeitsminister Hubertus Heil diese Woche verlauten ließ. Und die im Koalitionsvertrag beschlossene „Sofortmaßnahme“, zusätzlich 8000 Stellen zu schaffen, scheitert ebenfalls an der Realität – dem Mangel an Fachkräften.

Lösen lässt sich das aktuelle Dilemma letztlich nur durch eine langfristige Strategie. Dabei wird es, wie immer in der Pflege, ganz wesentlich um eine Frage gehen: Wie viel ist uns als Gesellschaft ein würdiges Alter wert?

In Zeiten des demografischen Wandels dürfte das durchaus teuer werden. So schlagen aufgrund der neuen Pflegestufen und erweiterten Leistungen allein in diesem Jahr zwei Milliarden Euro an Mehrkosten bei der Pflegeversicherung zu Buche. Das ist viel Geld. Doch solidarisch umgelegt kommt dabei vermutlich eine Beitragssteigerung von geschätzten 0,2 Prozentpunkten auf den einzelnen zu. Ein Anteil, der es uns wert sein sollte.

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