Kommentar

Suche nach sich selbst

Alexander Müller zur Situation bei der DFB-Elf

Nach diesen beiden Spielen kann niemand mehr behaupten, das WM-Debakel von Russland sei ein Betriebsunfall gewesen, ausgelöst durch eine Verkettung unglücklicher Umstände. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft plagt sich – das haben die beiden wankelmütigen Auftritte gegen Frankreich (0:0) und Peru (2:1) belegt – mit schwerwiegenden Problemen herum, die nicht von einem Tag auf den anderen zu lösen sein werden. Das Fiasko gegen Südkorea in Kasan hat das alte fußballerische Selbstverständnis in seinen Grundfesten erschüttert, die DFB-Elf ist im Spätsommer 2018 auf der Suche nach sich selbst.

Die Signale, die der Bundestrainer im begonnenen Umbruchsprozess aussendet, sind dabei teilweise widersprüchlich. Das Dogma des „fast schon arroganten“ (Zitat) Ballbesitzfußballs hat Joachim Löw aus seinem Katalog gestrichen. Künftig soll alles defensiv stabiler und variabler werden, die alten Umschaltqualitäten von der WM 2010 in Südafrika sind auch wieder gefragt. In der Mannschaft hat Löw mit diesem Paradigmenwechsel für Unsicherheit gesorgt. Dies zeigte sich in der zweiten Halbzeit gegen mittelklassige Peruaner, als die deutsche Auswahl beim ersten richtigen Gegenwind schnell wackelte.

Neben diesen strukturellen Problemen kämpft der entthronte Weltmeister auch weiter mit etlichen personellen Baustellen. Den mit großer Spielintelligenz gesegneten Joshua Kimmich dauerhaft in die Mittelfeld-Zentrale zu ziehen, klingt nach einer Lösung mit Charme, aber ist Matthias Ginter wirklich die dauerhaft taugliche Besetzung für den Rechtsverteidiger-Job? Prekär ist die Situation im Angriffszentrum, seitdem Timo Werner auf Außen als wertvoller angesehen wird: Marco Reus fremdelt sichtlich mit der ungewohnten Aufgabe, Thomas Müller kann sich auch Schöneres vorstellen – und der einzige verbliebene gelernte Stürmer Nils Petersen hat es mit 29 Jahren auf zwei Länderspiele gebracht. Die Alternativen dahinter: muss man mit der Lupe suchen.

Löw versucht es statt mit einem harten Umbruch eher mit einem schleichenden Umbau des Teams. Das ambitionierte Ziel lautet: Bei der EM 2020 wieder um den Titel spielen zu können. Das wird noch ein harter und steiniger Weg – mit ungewissem Ausgang.