Kommentar

Tabubruch

Madeleine Bierlein kritisiert die Musikindustrie, die um des Geldes willen Gangsta-Rappern mit rassistischen Parolen eine große Bühne bietet

 

Der Zeitpunkt hätte nicht schlechter gewählt sein können: Ausgerechnet am Tag des Holocaust-Gedenkens haben in Deutschland die umstrittenen Rapper Kollegah und Farid Bang den Echo – und damit den hierzulande meistbeachteten Pop-Musikpreis – erhalten. Vor allem an einer Textzeile des preisgekrönten Albums, im Song „0815“, entzündete sich massive Kritik: „Mein Körper definierter als der von Auschwitz-Insassen“.

Nun lässt sich trefflich darüber diskutieren, wann die Grenzen der Kunstfreiheit überschritten sind und ob es sich bei besagtem Zitat bloß um eine geschmacklose Verirrung oder tatsächlich um den Ausdruck einer antisemitischen Grundhaltung handelt. Klar ist jedenfalls: Die Texte von Farid Bang und Kollegah (im echten Leben Felix Blume) strotzen nur so vor sexistischen, rassistischen und gewaltverherrlichenden Passagen. Dennoch – ja gerade deswegen – verkaufen sich die Alben hervorragend, das umstrittene bislang mehr als 200 000 Mal. Doch ist das wirklich Grund zur Sorge?

Es ist keine neue Erkenntnis, dass eine Jugendkultur häufig mit der Verletzung von gesellschaftlichen Regeln einhergeht. Und es ist auch nicht neu, dass das Aufbegehren zu einem großen Teil über die Musik läuft. Das war schon Ende der 1960er so, als rebellische Studenten und Hippies eine Gegenbewegung zur gesellschaftlichen Realität der Elterngeneration starteten. Zehn Jahre später stellten wiederum Punks und Hausbesetzer die etablierten Regeln infrage, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Nun also die Gangsta-Rapper mit ihren sogenannten Battle-Raps (Kampf-Raps), in denen sie sich in möglichst ausgefeiltem Sprechgesang selbst überhöhen und gleichzeitig mit immer massiveren Beleidigungen ihr Gegenüber attackieren. Da mutet es wie eine Ironie des Schicksals an, dass ausgerechnet Campino, Sänger der Toten Hosen und selbst einst punkrockender Grenzüberschreiter, als Einziger bei der Echo-Verleihung den Mut zu Kritik zeigte. Mit seiner Aussage, die Toleranz sei für ihn deutlich überschritten, „wenn es um frauenverachtende, homophobe, rechtsextreme und antisemitischen Beleidigungen geht“, benannte er genau jene gesellschaftlich definierte Linie, die die um Abgrenzung bemühten Rapper und ihre Fans bewusst ignorieren.

Doch so unterirdisch die Texte auch sein mögen: Das große Problem sind nicht einige spätpubertäre Rapper, sondern ist deren Vermarktung. Die neuen Tabubrecher sind zu einem beliebten Ziel der Musikwirtschaft geworden, die nur eines im Sinn hat: möglichst viel Geld zu verdienen.

Der Echo ist dafür das beste Symbol, seine Regeln sind klar. Im Gegensatz zu anderen Preisen geht es nicht um herausragende Leistungen, sondern um nackte Verkaufszahlen. Man stelle sich nur vor, der deutsche Buchpreis würde an den meistverkauften Bestseller in Deutschland (vor einiger Zeit etwa der literarisch wenig erquickliche Soft-Porno „50 Shades of Grey“) gehen. In der Musik aber ist das möglich – und mehr noch: Durch die Echo-Verleihung haben Kollegah und Farid Bang ein in keinster Weise zu rechtfertigendes Rampenlicht erhalten. Noch dazu eines, in dem ihre Parolen – von Campino einmal abgesehen – nicht einmal thematisiert werden.

Die Debatte um die Texte zeigt aber auch: Unter anderem durch die Gangsta-Rapper haben Klischees über Juden (sowie frauen- und schwulenfeindliche Sprüche) auf deutschen Schulhöfen wieder Konjunktur. Auch in anderen Kreisen – etwa in der AfD– sowie in sozialen Netzwerken werden antisemitische Klischees bedient, und es gibt Hinweise darauf, dass hierzulande die Zahl der Übergriffe auf Juden steigt.

Genau diesem neuen Antisemitismus gilt es sich entschieden entgegenzustellen und allen Rufen nach einem Ende der Erinnerungskultur eine deutliche Absage zu erteilen. Erfreulich in diesem Zusammenhang: Am Holocaust-Gedenktag haben 12 000 Personen, so viele wie nie zuvor, am „Marsch der Lebenden“ vom Konzentrationslager Auschwitz zum Vernichtungslager Birkenau teilgenommen. Besonders viele von ihnen waren junge Menschen.