Kommentar

„Tatatatah“ für Menschen

Archivartikel

Von Stefan M. Dettlinger

Gibt es ein anderes Werk komponierter oder überhaupt irgendwelcher Musik, das sich verbal auf ein „Tatatatah“ reduzieren ließe, also gewissermaßen auf einen minimalen gedanklichen Nukleus? Auch bei längerem Nachdenken: Nein! Weder Bachs Weihnachtsoratorium, weder Mozarts Königin der Nacht noch Wagners Walkürenritt oder Micheal Jacksons „Thriller“ – Beethoven ist mit seinem mottoartigen Stil ab der mittleren und vor allem der späten Periode seines Schaffens ein Solitär.

Freilich nicht nur in dieser Hinsicht. Denn dieses „Tatatatah“ ist nur der geringste gemeinsame Nenner, den Menschen in Beethovens Musik finden. Selbst Grundschüler können es verorten. Doch ist das nun ein Qualitätsmerkmal? Jein, denn egal, ob man die Hits aus den Charts mag oder nicht: Anerkennen muss man, dass es jemandem gelingt, viele Menschen mit seiner Kunst oder, wie man es auch kapitalismuskritischer ausdrücken könnte, seinem Produkt zu erreichen. Sehen wir es einfach als ein Zeichen dafür, dass dieser Komponist, Ludwig van Beethoven, der unter dem Strich eher als Misanthrop, also Menschenfeind, gesehen wird, einen besonderen Draht zu uns gesucht hat? Durch seine Musik! Beethoven spricht zu uns, und vielleicht ist dies das Geheimnis seiner Musik: Sie hat viel buchstäblich Buchstäbliches an sich, etwas, das mit Sprache zu tun hat, auch dort, wo kein „Freude schöner Götterfunke“ erklingt. Bezeichnenderweise gilt Beethoven zwar als Erfinder des Liederzyklus, hat aber unter dem Strich sehr wenig für die menschliche Stimme geschrieben. Dennoch kommuniziert er mit uns.

50 persönliche Beziehungen

Vielleicht deswegen schrieb Starpianist Igor Levit in seinem Essay für diese Zeitung (2.1.2020) über ihn: „Wenn Beethoven erklingt, dann entsteht ein Grad an Partizipation bei den Zuhörenden. Sie ist in gewisser Weise zeitgenössisch. Man hat das Gefühl, jetzt gerade dabei zu sein und hat den Moment, in dem man sagt: Aha, da erzählt jemand von meinem Leben. Beethoven erlaubt keine neutrale Haltung, die Musik ist ungeheuer emotional, sie erzählt von Menschen, vom Leben, und das triggert einfach bei unzähligen Menschen, die diese Musik hören, sehr intensive Gefühle.“

Und Beethoven geht viel weiter, geht in hochkomplexe Strukturen, Harmoniegassen und Ausbrüche hinein. Dafür muss man sich nur die Große Fuge für Streichquartett anhören – ein wüster Orkan wild ringender Kräfte und Verästelungen. Und so komplex wie die Musik sind auch die Beziehungen der Menschen zu ihm, der politisch gedacht und gefühlt hat und mitunter als so etwas wie ein Verfechter eines geeinten Europas gilt.

An dieser Stelle werden diese Menschen in den kommenden 50 Wochen zu Wort kommen. Politiker, Forscher, Musiker, Literaten und viele andere werden immer samstags über ihre persönliche Beziehung zu Beethoven sprechen. Über IHREN Beethoven. Nochmals Igor Levit: „Es ist Musik für uns. Es ist Musik über uns.“ Wer würde sich besser eignen für einen solch persönlichen Zugang!

Stefan M. Dettlinger (54) ist Leiter des Kulturressorts dieser Zeitung.