Kommentar

Tiefe Wunden, tiefe Narben

Archivartikel

Stefan Dettlinger zur Coronapolitik von Bund und Ländern

Natürlich ist es müßig, zurückzublicken und zu fragen: Was ist im alten Jahr schiefgelaufen im Umgang mit Corona? Jedem fällt vieles ein und jedem sicherlich anderes. Während die Bundesregierung bis zum Sommer – fast – alles richtig zu machen schien, änderte sich das Bild schlagartig nach den Sommerferien, die mit der Reisefreiheit vielleicht schon der erste große Fehler waren.

Die offenbare Untätigkeit im Sommer etwa in Sachen Schulkonzepte, Nahverkehr und personelle Ausstattung der Gesundheitsämter, wird ein Rätsel bleiben. Danach folgte Halbherzigkeit auf Halbherzigkeit bis zum 16. Dezember, als der zweite totale Lockdown diese Halbherzigkeiten strafte. Getroffen hat es alle, außer die Geschäfte „für den täglichen Bedarf“ und die Paketdienste. Beide machen das Geschäft des Jahrhunderts.

Besonders verletzt wurde die Kultur. Nicht nur, weil sie trotz akribischer Hygienekonzepte schließen musste, was viele Kunstschaffende in Lebenskrisen gestürzt hat. Nein: Weil sie mit einer Roten Karte des Platzes verwiesen wurde, auf der steht: Ihr seid uns nicht wichtig, ihr seid Freizeit, nice to have, aber nicht systemrelevant, es gibt Wichtigeres zu tun! So handeln dann Politiker, die in Reden die Kultur immer als Fundament einer offenen Gesellschaft preisen und auf ihre Unverzichtbarkeit hinweisen. Kultur sei alles, was wir sind, könnte so ein Politikersatz sein.

Verstärkt wurde der Skandal schon Ende Oktober durch diese Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): „So, wie wir versucht haben, zum Beispiel alle Geschäfte offenzulassen, erschien es uns nicht angemessen und vergleichbar, Gottesdienste zu verbieten.“ Dass danach etwa in den Hochsicherheitstrakten der Theater nicht gesungen werden durfte, wohl aber in Kirchen – es scheint ein Streich der Bürger von Schilda.

Das Entsetzen in der Szene ist groß. Es geht in ohnehin demokratiegefährdeten Zeiten einher mit einem Verlust an Vertrauen in die Politik, das auch Systemfeinden Wasser auf die Mühlen spült. Das darf keiner wollen.

Seit vielen Jahren arbeitet die Kulturszene am Abbau der Mauer zwischen Kunst und Alltag, sucht nach einer Zwischenwelt, in der eine Entstörung der Existenz erwirkt und soziale Differenz abgebaut werden kann. Ähnliche Ansinnen will den Kirchen niemand absprechen. Die Religionsausübung ist in der Verfassung (Art. 4, 1/2) so geschützt wie die Freiheit der Kunst (5, 3). Aber die Ungleichbehandlung beider hat Wunden hinterlassen. Aus Wunden werden Narben. Aus tiefen Wunden werden tiefe Narben.

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