Kommentar

Tiefpunkt und Hoffnung

Archivartikel

Alexander Müller zieht eine Bilanz der Leichtathletik-WM

Sebastian Coe meinte es ernst, auch wenn man es nicht für möglich hält. „Wir sehen hier, dass Katar ein tolles Land für die Leichtathletik ist“, sagte der Präsident des Weltverbandes IAAF: „Wir bringen die Sportart dorthin, wo sie gut ankommen kann.“ Wohlwollend könnte man diese realitätsfremde Bilanz des Leichtathletik-Bosses als Chuzpe bezeichnen, polemisch müsste man fragen, ob der Engländer über die gleiche Veranstaltung spricht. Die Katar-WM war mit ihren Bildern von kollabierenden Sportlern und leeren Zuschauerrängen der Tiefpunkt, den die olympische Kernsportart bisher erleben musste. Übrig bleibt ein Imageschaden, für den abgehobene Funktionäre wie Coe die Verantwortung tragen.

Die sportlichen Leistungen traten in der Hitze des Golf-Emirats in den Hintergrund – was für die Athleten eine schlimme Nachricht ist. Denn gerade das deutsche Team hatte mehrere Sportler mit großer Zukunft dabei, die die einst stolze Leichtathletik aus ihrer chronischen Wahrnehmungskrise herausbefördern können. Die Oftersheimerin Malaika Mihambo sorgte mit einem fantastischen Weitsprung-Wettkampf am Sonntagabend für den versöhnlichen Abschluss aus Sicht des DLV – sie kann sowohl von ihrer sympathischen Ausstrahlung als auch von ihrem sportlichem Ausnahmetalent her zum weiblichen Gesicht der deutschen Leichtathletik in den nächsten Jahren werden. Zu Olympia nach Tokio 2020 fährt Mihambo als Favoritin. Bei den Männern ist die Rolle als neues Aushängeschild Sensations-Weltmeister Niklas Kaul zuzutrauen, der im Zehnkampf eine Aufholjagd für die Geschichtsbücher zeigte.

Eine weitere Hoffnungsträgerin ist Konstanze Klosterhalfen, wohl das größte deutschen Lauf-Talent aller Zeiten. Doch die Doping-Schlagzeilen rund um ihr amerikanisches Trainingscamp Nike Oregon Project erschüttern das Vertrauen in die 22-Jährige, auch wenn sie noch nie positiv getestet wurde. Aus dieser Zwickmühle kann sich Klosterhalfen nur selbst befreien: Indem sie das Nike-Projekt verlässt.

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