Kommentar

Total verkalkuliert

Thomas Spang über die drohende Eskalation am Persischen Golf: US-Präsident Donald Trump ist mit seiner Strategie des Drucks auf Teheran gescheitert

Über dem Persischen Golf zieht Nebel auf. Propaganda-Nebel, der den klaren Blick auf das tatsächliche Geschehen trübt. Deshalb kann niemand wirklich sagen, wer für die Angriffe auf die beiden Tanker verantwortlich ist. Leider fehlt nicht nur dem Mullah-Regime in Teheran jede Glaubwürdigkeit, sondern auch der US-Regierung, deren Präsident Donald Trump mit der Wahrheit auf dem Kriegsfuß steht.

Schlüssige Erklärungen für die Vorfälle am Golf bieten sich einige an. So könnten Hardliner in Iran die Absicht verfolgt haben, die Vermittlungsbemühungen zwischen den USA und Iran durch den japanischen Ministerpräsenten Shinzo Abe zu unterminieren. Darüber hinaus drängen Teile der Revolutionsgarden auf Rache für den Wirtschaftskrieg Trumps gegen das isolierte Land. Plausibel bestreitbare Nadelstiche gegen die Interessen der USA böten sich dafür als ideales Mittel an.

Denkbar scheint auch eine gezielte Provokation durch Saudi-Arabien, das mit Iran um die religiöse und hegemoniale Vormacht in der Region konkurriert. Nie war die Chance größer für Riad, die Supermacht in einen Konflikt mit dem Erzfeind hineinzuziehen, wie in dieser Präsidentschaft. Der Umgang mit dem Auftragsmord an dem Regime-Kritiker Jamal Khashoggi illustriert die Nibelungentreue Trumps gegenüber dem skrupellosen Alleinherrscher. Experten halten es auch nicht für ausgeschlossen, dass interessierte Kreise in den USA nach dem Vorbild des sogenannten „Golf von Tonkin“-Vorfalls einen Kriegsvorwand schaffen wollen. Wie die US-Regierung 1964 falsche Geheimdienstinformationen vorschob, um gegen Vietnam in den Krieg zu ziehen, könnte nun Iran das Ziel einer solchen Desinformation-Kampagne sein.

Der Unterschied diesmal besteht darin, dass innerhalb der Trump-Regierung Kräfte in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Die beiden Falken, Außenminister Mike Pompeo und der Nationale Sicherheitsberater John Bolton, vermitteln den Eindruck, ihnen sei jeder Anlass für einen Waffengang recht. Trump dagegen rasselt zwar gerne laut mit dem Säbel, hat aber starke, isolationistische Instinkte.

Mit Gewissheit lässt sich sagen, dass die Strategie des „maximalen Drucks“ ein Rohrkrepierer ist. Sollte Iran tatsächlich hinter den Provokationen stecken, wären die brennenden Tanker bloß der Beleg für eine aggressivere Gangart des Regimes. Dass die Verhandlungsbereitschaft dadurch wächst, war ohnehin eine Illusion. Die moderateren Kräfte in Iran haben es nach der einseitigen Aufkündigung des Atomabkommens durch die USA noch schwerer gehabt, auf Mäßigung zu drängen. Wie Trump die Machthaber in Teheran unter diesen Bedingungen zu Gesprächen bewegen möchte, bleibt sein Geheimnis. Das außenpolitische Irrlichtern Trumps hat mindestens soviel zu der Eskalation-Spirale am Persischen Golf beigetragen, wie die Scharfmacher in den Anrainer-Staaten.