Kommentar

Totalausfall aller Systeme

Alexander Müller zu den Folgen des DFB-Debakels

Manchmal reichen 90 Minuten, um die Arbeit von zwei Jahren zu pulverisieren. Das 0:6 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Spanien hat das zarte Pflänzchen des Aufbruchs, das Bundestrainer Joachim Löw seit dem WM-Fiasko von Russland 2018 zu setzen versucht hat, mit der Vehemenz eines Elefanten zertrampelt. Das leere Olympiastadion von Sevilla erlebte eine historische Demütigung der DFB-Elf, eine fußballerische Erniedrigung, wie sie die deutsche Auswahl in modernen Zeiten noch nicht ertragen musste. Es war ein Totalausfall aller Systeme, der lange nachhallen wird.

Der kurzzeitig anberaumte DFB-Krisengipfel am Münchner Flughafen, bei dem der Bundestrainer vorläufig im Amt belassen wurde, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ära Löw bei der Nationalmannschaft ihrem Ende entgegensteuert. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht in den nächsten Tagen – aber ziemlich sicher nach der EM im kommenden Sommer. Teammanager Oliver Bierhoff, sein direkter Vorgesetzter, hat die Diskussion um den Weltmeister-Coach von 2014 vor wenigen Tagen mit einem missverständlichen Interview selbst befeuert. Dass Bierhoff mit der von ihm betriebenen Positionierung der DFB-Elf als fußballspielende PR-Agentur die Entfremdung von der Basis in den vergangenen Jahren maßgeblich zu verantworten hat, sei hier nur am Rande erwähnt.

Die Spieler lassen Löw im Stich

Sportlich jedoch ist Löw spätestens seit dem Offenbarungseid von Sevilla gescheitert. Der Südbadener hat es nicht geschafft, den Makel des Vorrunden-Aus bei der WM 2018 in einen geordneten Neuaufbau zu überführen, damit die Fans der umformierten Mannschaft wieder Vertrauen und Zuneigung schenken. In Spanien ließen ihn die Spieler im Stich, auf die der erfahrene Bundestrainer die Zukunft bauen wollte. Nach dem Debakel von Dienstagabend kauft es ihm die Fußball-Republik nicht mehr ab, wenn er Hoffnung auf bessere Zeiten vermitteln will. Dann ist es wirklich Zeit zu gehen.

Die EM wird Löw wohl dennoch bestreiten dürfen, auch aus Mangel an Alternativen, die kurzfristig verfügbar sind und eine längerfristige Perspektive bieten. Jürgen Klopp, Hansi Flick oder Thomas Tuchel sind bei ihren Vereinen gebunden, der kauzige Ralf Rangnick ist nicht vermittelbar. Also geht es vorerst weiter mit dem angezählten Löw, der in nächster Zeit vor jedem Mikrofon die gleiche Frage gestellt bekommen wird: Was ist mit Müller, Boateng und Hummels?

Die Debatte um die von vielen Fans geforderte Rückhol-Aktion der zuletzt nicht mehr berücksichtigten Helden von Rio bringt den Bundestrainer in eine klassische Zwickmühle. Lehnt er ein Comeback weiter ab und beharrt auf seiner Linie, wird ihm Sturheit vorgeworfen. Lenkt er ein, käme das einem Gesichtsverlust gleich und wäre ein verheerendes Signal an Joshua Kimmich & Co., die in der Hierarchie nach oben gerückt sind. Gerade in der Defensive, das demonstrierte das 0:6-Desaster schonungslos, fehlt der DFB-Elf zurzeit aber die nötige internationale Klasse. Zumindest die Dynamik in der Personalie Hummels dürfte daher eher steigen.