Kommentar

Tradition oder Tabubruch

Marc Stevermüer zur Zukunft der Bundesliga

Es ist sechs Jahre her, da sagte jemand dem deutschen Fußball rosige Zeiten voraus. Philipp Hasenbein, als Geschäftsführer der damaligen Agentur Sportfive dick im Geschäft vertreten, war sich sicher: „Die Bundesliga wird sich in Zukunft zu einer noch stärkeren globalen Marke entwickeln.“ Im Herbst 2018 steht fest: Hasenbein lag daneben. Die Vermarktungserlöse sind zwar gewachsen, aber im Ringen um die Eroberung internationaler Märkte wurde die Bundesliga abgehängt, was längst auch ein Einfluss auf die sportliche Qualität hat. Denn immer mehr Weltklassespieler verlassen Deutschland. „Die Stars sind eben dort, wo das Geld ist“, sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß einmal.

Kurzum: Der deutsche Fußball steht vor riesengroßen Herausforderungen – und zwar nicht nur bei der Nationalmannschaft, sondern gerade auch was die Vereine angeht. Sie müssen sich fragen, was sie wollen. Möchten die deutschen Clubs um Europapokaltitel spielen, ja sogar die Champions League gewinnen? Dann müssen sie höhere Einnahmen generieren. Möglich ist das wiederum nur mit gravierenden, ja sogar schmerzhaften Veränderungen, die gerade für die Traditionalisten und Romantiker bislang nicht verhandelbar waren. Zum Beispiel der Verzicht auf die 50+1-Regel oder Pflichtspiele in den USA oder Asien.

Spanien plant das, England denkt darüber nach. Will die Bundesliga nachziehen, käme das nicht nur einer Zäsur gleich. Es wäre ein Tabubruch. Der scheidende DFL-Präsident Reinhard Rauball weiß um diese schwierige Aufgabe und die unzähligen Diskussionen, die daraus entstehen. Und mit jetzt 71 Jahren will sich das der Präsident von Borussia Dortmund nicht mehr geben. Er weiß eben, wann der Zeitpunkt gekommen ist, um abzutreten – was ihn übrigens von Reinhard Grindel unterscheidet. Wobei beim DFB-Präsidenten nicht das Alter das Problem ist.

 
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