Kommentar

Tragik ohne Alternativen

Archivartikel

Stefan M. Dettlinger zu den Sanierungskosten für die Stuttgarter Oper

Nun werden nicht nur die Mannheimer Politiker und Theaternarren erschrecken und vor Neid erblassen, sondern auch die in Karlsruhe und der gesamten Republik: Mehr als eine Milliarde Euro soll die Sanierung der Staatsoper Stuttgart kosten. Das ist mehr als der Neubau des Humboldtforums in Berlin (0,6 Mrd) und der Elbphilharmonie (0,9 Mrd) in Hamburg. Zudem handelt es sich noch um keine belastbare Zahl. Die Vorhaben sind zu komplex und die Kostensteigerungen nicht absehbar. Fast reflexartig will man da ausrufen: Das ist zu viel, das muss verhindert werden, Mannheim soll es doch auch mit rund 250 Millionen schaffen und Karlsruhe mit 325 Millionen!

Fordert man in Stuttgart zu viel? Ist die kostenaufwendige Kreuzbühne für den Transport ganzer Bühnenbilder unbedingt notwendig? Dafür muss immerhin das Gebäude verbreitert werden. Geht es am Schlossgarten mit allem Pipapo um eine luxuriöse Maximallösung für das siebenfache „Opernhaus des Jahres“, das im Gegensatz zum Fußballclub VfB stets 1. Bundesliga spielt?

100 Kilometer neue Autobahn

Natürlich ist das so! Die Frage ist aber: Was sind die Alternativen? Abreißen steht (derzeit) nicht zur Debatte. In Stuttgart mit dem schmucken historischen Bau noch weniger als im nüchternen Mannheim. Also: Diese Sanierung ist, wie man so schön sagt, alternativlos. Denn wer will schon in 20 oder 30 Jahren zugeben müssen: Wir haben damals zu klein gedacht und sind nicht mehr Up to date. Ab in die 2. Liga? Eine Milliarde, das ist zwar viel Geld. Und vielleicht wird es noch mehr. Doch sind das auch (nur) rund 100 neu gebaute Kilometer Autobahn.

Deutschland als Kulturland, der Süden allemal, ist einer der reichsten Flecken auf Erden. Das kulturelle Erbe, um das uns die Welt beneidet, haben sich unsere Vorfahren ausgesucht. Wir müssen es pflegen. Die Kulturausgaben betragen insgesamt doch nur rund ein Prozent der Haushalte im Durchschnitt. Da wirken plötzlich alle Zahlen anders.

Und doch gibt es eine Tragik dieser Geschichte: Keiner weiß, wie viele Menschen in 20, 30 Jahren die Opernhäuser von Mannheim (knapp 1200 Plätze) und Stuttgart (1400) besuchen. Die Zahlen gehen bundesweit seit Jahren zurück. Wahrscheinlich werden die Säle dann zu groß sein. Es gibt hier also kein endgültiges, historisches Richtig.

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