Kommentar

Trügerische Sicherheit

Archivartikel

Gerichtsurteile nehmen keine Rücksicht auf Emotionen. Sie stoßen Diskussionen an und beschleunigen Umdenkprozesse. Wenn die Frankenthaler Richter über das Schicksal des Arbeiters entscheiden, der mit seinem Schnitt in ein falsches Rohr die BASF-Explosionskatastrophe ausgelöst hat, müssen sie klar formulieren, ob das größte Chemieunternehmen der Welt genug getan hat, um ein solches Unglück zu verhindern. Die Kammer ist den Angehörigen der fünf Todesopfer und den Verletzten die Gewissheit schuldig, dass in Zukunft Arbeitsbedingungen geschaffen werden, die über das hinausgehen, was der Stand der Technik unbedingt erfordert.

In 27 Prozesstagen gab es vielfach Kritik von Gutachtern und Juristen. So liegen die mit brennbarem, explosivem oder giftigem Inhalt gefüllten Pipelines im Rohrgraben dicht an dicht und tragen dabei alle Einheitsgrau. Bei Branchen-Kollegen sind sie durchgängig bunt, um Verwechslungen zu verhindern. Ein farbiger Anstrich kostet wenig und ist eine simple Methode für mehr Sicherheit. Fatalerweise hat keiner der BASF-Planer damit gerechnet, dass jemand in die falsche Leitung flext. Obwohl ein Fehlschnitt in das Ammoniak-Rohr 2011 dieses Szenario denkbar gemacht hat. Gleichfalls unbegreiflich ist, dass die Ethylen-Fernleitung vor dem Unglück über keinen Brandschutz verfügte, obwohl der Stoff unter Hitze zerfällt und explodiert.

Tragisch mutet an, dass der Großkonzern das Inferno im Nordhafen ein Jahr vor dem Unglück durchgespielt hat. Bei der Großübung mussten die Rettungskräfte Flammen unter der Ethylenleitung in den Griff bekommen. Auffällig war bei diesem Versuch, die schlechte Sicht auf den Rohrgraben. Von Konsequenzen aus dieser Manöverkritik hat niemand berichtet.

Was die vernichtende Dynamik der Katastrophe tatsächlich verhindert hätte, wird kein Gericht der Welt beantworten können. Doch eines hat der Prozess in Frankenthal gezeigt: Sicherheit nach Vorschrift ist in einer Chemiefabrik zu wenig.

 
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