Kommentar

Trumps Hurrikan

Archivartikel

Thomas Spang ist der Meinung, dass die USA den Kampf gegen die Pandemie verlieren – und der Präsident abgewählt werden könnte

Lebten alle 3,1 Millionen an Covid-19 erkrankten Amerikaner in einer Stadt, wäre dies nach New York und Los Angeles die drittgrößte der USA. Angesichts der immer neuen Rekorde an Neuinfektionen, die nun Tag für Tag mehr als 60 000 Infizierte hinzufügen, wird es nicht mehr lange dauern, bis „Corona-City“ auf Platz zwei vorrückt.

Dass die Zahl der Toten bisher proportional nicht so stark anstieg, ist nur ein schwacher Trost. Zumal es nach der Explosion an positiven Testergebnissen im Süden und Westen der USA nun drei bis vier Wochen dauert, ehe das Virus sein tödliches Werk verrichtet hat. Egal, welchen objektiven Maßstab man anlegt, die Zahl der Opfer, die durchgeführten Tests, die Prozentzahl der positiven Ergebnisse oder der durchschnittliche Sieben-Tage-Trend, das Fazit ist das gleiche: Die USA verlieren das Ringen mit der Pandemie.

Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass das Virus in weiten Teilen des Landes außer Kontrolle geraten ist. Die Fallzahlen steigen in 33 Staaten, und es wird nicht mehr lange dauern, bis die Welt wieder Bilder wie im März und April aus New York sehen wird. Mit dem Unterschied, dass es dort einen Gouverneur gab, der den Staat unter Quarantäne stellte, und Bürger, die bereitwillig Abstand hielten und Maske trugen.

Die neuen Hotspots South Carolina, Florida, Texas und Arizona sind dagegen Hochburgen der Trump-Fans und haben Gouverneure, die im Frühjahr als erste den Shutdown beendeten und nun bereit scheinen, das Leben Zehntausender Menschen für nichts zu riskieren.

Dass Trump das Tragen von Masken zu einem politischen Symbol gemacht, das tödliche Virus als „zu 99 Prozent harmlos“ heruntergespielt und sich als Quacksalber-in-Chief in Szene gesetzt hat, kommt nun wie ein Bumerang zurück. Statt zu führen, steckt Trump den Kopf in den Sand und hofft auf ein Wunder. Tatsächlich lässt sich die Realität der Pandemie ebenso wenig aus der Welt reden wie das ökonomische Desaster, das mit ihr einhergeht. Die Amerikaner erkennen mit jedem Tag klarer, dass das Virus nicht mit sich handeln lässt. Solange Covid-19 nicht unter Kontrolle ist, kann sich auch die Wirtschaft nicht erholen.

Die Kapitulation Trumps vor der Pandemie hat das Potenzial, ihn bei den Wahlen im November dahinzuraffen. Wie bei George W. Bush könnte wieder einmal eine Katastrophe dazu führen, dass eine Mehrheit der Amerikaner das Vertrauen in die Kompetenz ihres Präsidenten verliert. Die „Corona“-Krise fühlt sich in diesen Tagen so an, als wäre sie Donald Trumps „Hurrikan Katrina“-Moment.

 
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