Kommentar

Thomas Spang über die Strategie des US-Präsidenten im Wahlkampf: Die Amerikaner glauben ihm seine „alternativen Fakten“ nicht

Trumps Unruhen

Archivartikel

Donald Trump und Joe Biden wissen, wie tief gespalten und zerbrechlich die US-Gesellschaft ist. Es gehört nicht viel dazu, die beiden Amerikas gegeneinander aufzubringen. Die Gewalt in Portland und Kenosha geben einen Vorgeschmack darauf, was bei einem knappen Wahlausgang am 3. November passieren könnte.

Der Präsident und sein Herausforderer ziehen sehr unterschiedliche Schlüsse aus dieser explosiven Ausgangslage. Trump entstaubt dafür in seinem Wahlkampf Richard Nixons Drehbuch aus dem Protestjahr 1968. Er schürt die Angst vor brennenden Städten, linkem Mob und Randalierern und bietet sich als Beschützer der Hausfrauen in den Vororten an.

Doch die „schweigende Mehrheit“, die Trump mit seiner „Law-and-Order“-Strategie zu mobilisieren erhofft, existiert vielleicht nicht da, wo er sie vermutet. Sondern eher bei den Amerikanern, die genug von den Lügen des „Spalters-in-Chief“ haben, der wegen des Versagens bei der Eindämmung der Pandemie Zehntausende Menschenleben auf dem Gewissen hat. Oder den Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken können, ihren Job verloren haben, weil die Wirklichkeit des tödlichen Erregers anders aussieht als die rosarote Version Trumps. Umfragen belegen zudem, dass die Amerikaner ihm die „alternativen Fakten“ nicht abkaufen.

Das Nixon-Drehbuch funktioniert auch nicht, weil diesmal kein Demokrat im Weißen Haus sitzt, sondern Trump. Und viele Vororte heute so multikulti sind wie die Städte. Die „Hausfrauen“ seiner Fantasiewelt sind berufstätig, viele unterstützen „Black Lives Matter“. Wenn der Amtsinhaber davor warnt, dass es unter einem Präsidenten Biden so schlimm werden könnte, wie es jetzt schon ist, dürfte das jenseits seiner Super-Fans nicht viele überzeugen. Die Strategie ist absurd.

Es sind Trumps Unruhen, seine Virus-Toten. Biden bietet sich im Wahlkampf als Kontrapunkt an. Ein Staatsmann, der Kompetenz, Normalität und Anstand verkörpert. Ein Versöhner, der das Land zusammenbringt.

Pandemie und Proteste haben die Probleme der US-Gesellschaft unter ein Vergrößerungsglas gestellt. Sichtbar werden struktureller Rassismus, Defizite im Gesundheits- und Sozialsystem und Unterschiede bei der Wohlstandsverteilung. Trump hat kein Interesse, diese Probleme zu lösen.

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