Kommentar

Trumps Verrat

Walter Serif über den geplanten Abzug der US-Soldaten aus Nordsyrien, der den Weg freimachen würde für eine Militärinvasion der Türkei

Donald Trump hat seine bizarre Außenpolitik um eine neue groteske Entscheidung erweitert. Weil der US-Präsident keine Lust mehr auf die – wie er selbst sagt – „lächerlichen endlosen Kriege“ hat, sollen seine Soldaten schleunigst Nordsyrien verlassen. Natürlich hat er diese Entscheidung mit Blick auf die Kampagne 2020 gefällt. Seine Wähler wollen wie er am liebsten gar kein Geld mehr für Auslandseinsätze ausgeben. Doch der Preis dafür ist hoch: Trump gibt dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan damit praktisch grünes Licht für einen Militäreinmarsch in Nordsyrien und lässt außerdem die Kurden im Stich.

Das ist unglaublich. Die Kurden haben als engste Verbündete der USA für den Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat ihre Knochen hingehalten. Sie müssen sich jetzt, da die Islamisten auf dem Rückzug sind, wie nützliche Idioten fühlen. Und fürchten, dass sie einen erheblichen Teil ihrer autonomen Gebiete verlieren und womöglich zwischen den Kriegsparteien aufgerieben werden. Der Traum von einem Kurdenstaat ist jedenfalls aus.

Trumps Verrat ist aber nicht nur moralisch verwerflich. Der US-Präsident führt sich wie ein Elefant auf, der die bisherige Syrien-Strategie des Westens zertrampelt. Genauso hat er es bereits mit dem Iran-Abkommen gemacht. Damit brüskiert Trump erneut die Europäer, die wieder einmal kalt erwischt worden sind.

Die Bundesregierung hat bereits vor dem türkischen Einmarsch gewarnt. Warum, liegt auf der Hand. Die Kurden werden sich wehren. Und niemand weiß, wie sich die drei anderen Kriegsparteien in Syrien verhalten werden. Der Iran und Russland sind mit dem Assad-Regime in Damaskus verbündet. Lassen sie Erdogan, der eine Sicherheitszone im Norden errichten will, wirklich einfach so gewähren? Der Krieg dürfte jedenfalls in die nächste Runde gehen. Mit vielen Toten – und einer neuen Flüchtlingswelle.

Der Grund: Die Türkei will ihre Grenze dichtmachen und gleichzeitig mehrere Millionen Flüchtlinge in die Sicherheitszone abschieben. Dort leben aber schon Millionen Menschen, die meisten sind Kurden. Es könnte deshalb auch zu Vertreibungen kommen. Not und Elend werden auf jeden Fall zunehmen. Viele Verzweifelte werden deshalb versuchen, nach Europa zu kommen. Verursacher wäre eben jener Erdogan, der Milliarden Euro von der EU kassiert hat, damit er Europa die Flüchtlinge vom Hals hält. Diese Rechnung wurde allerdings ohne Donald Trump gemacht.

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