Kommentar

Überholte Tradition

Archivartikel

Wolfgang Mulke begrüßt den Verzicht auf das Anschreiben

Um Sinn und Zweck von Bewerbungsschreiben ist ein Streit entbrannt. Die einen pochen auf das traditionelle Anschreiben, als ließe sich daraus die wahre Qualität eines Kandidaten lesen. Die anderen fügen sich der Realität, dass viele Schulabgänger sich nicht mehr ausreichend in Wort und Schrift ausdrücken können, und bieten ihnen andere Zugangswege zu einer Lehrstelle an.

Die Traditionalisten liegen falsch. Denn der durchaus beklagenswerte Rückschritt beim Bildungsniveau ist in diesem Fall zum Fortschritt bei der Rekrutierung von Personal geworden. Das belegt das Beispiel der Deutschen Bahn. Seitdem das Unternehmen kein Anschreiben mehr verlangt, steigt die Zahl der Bewerber. Es ist ein Fortschritt, wenn sich Arbeitgeber nicht auf Äußerlichkeiten in der Bewerbung wie Namen, Aussehen oder eben ein schön formuliertes Anschreiben verlassen, sondern die Entscheidung über die Eignung eines Kandidaten nach einem persönlichen Gespräch treffen.

Wer in einem Betrieb handwerklich geschickt sein soll, muss nicht unbedingt auch über ausgezeichnete Deutschkenntnisse verfügen. Niemand weiß, wie viele Talente schon verschwendet wurden, weil das Bewerbungsverfahren in den Betrieben in Deutschland – und auch das Training dafür in den Schulen oder Arbeitsämtern – zu sehr formalen Kriterien folgte.

Das kann sich das Land angesichts des wachsenden Fachkräftemangels nicht leisten. Mehr und mehr Unternehmen erkennen diese Realität an und gehen andere Wege. Der Erfolg gibt ihnen recht. Und es sorgt für mehr Chancengleichheit unter den angehenden Azubis.