Kommentar

Ulis Märchenstunde

Archivartikel

Marc Stevermüer zu Mesut Özils sportlicher Bedeutung

 

Natürlich musste er sich auch noch zu Wort melden. Die Abteilung Attacke kann sich schließlich nur selten zurückhalten. Und so setzte Bayern-Präsident Uli Hoeneß zur sportlichen Generalabrechnung mit Mesut Özil an, warf ihm vor, seit Jahren „Dreck zu spielen“ und „keinen Zweikampf“ gewonnen zu haben. Mal abgesehen davon, dass es beim DFB-Rücktritt des Spielers gar nicht um dessen Leistung geht und ging, lag der Bayern-Boss auch mit seiner Einschätzung komplett daneben. Wieder einmal wurde man Zeuge von Ulis Märchenstunde.

Denn die Fakten widerlegen seine Vorwürfe. Özil kam in der vergangenen Saison bei Arsenal London auf 19 Scorerpunkte. Das ist nicht herausragend, aber auf keinen Fall schlecht. Er stellte in der Premier League, der stärksten Liga der Welt, einen Rekord auf: Nur 141 Spiele brauchte der 29-Jährige für seinen 50. Assist. Diesen Meilenstein erreichte Özil schneller als jeder andere Spieler vor ihm. Und bei den Schlüsselpässen, also diesen Pässen, die zu einer Torchance führen, lag er in der zurückliegenden Runde vorne, sogar vor dem belgischen Superstar Kevin de Bruyne.

Mit im Schnitt 5,2 Pässen pro Spiel – es waren allerdings nur zwei Partien – führte er diese Statistik außerdem bei der WM an. Und nicht zuletzt wäre da seine Zweikampfbilanz: Özil gewann in Russland 56 Prozent seiner Duelle, in den vergangen drei Spielzeiten in der englischen Liga lag er stets bei mindestens 65 Prozent. Für einen Offensivmann sind das gute Werte.

Kurzum: Özil hat in den vergangenen Jahren keinen Dreck gespielt, sondern Hoeneß Mist erzählt. Aber das kommt beim Bayern-Boss, diesem Meister der populistischen Parolen, der es auch mit der Wahrheit nicht immer ganz so genau nimmt, häufiger vor. Ernst muss man das schon lange nicht mehr nehmen. Zumal es auch noch schlimmer hätte kommen können. In völliger Verdrängung der eigenen Vergangenheit hat sich Hoeneß aber immerhin nicht noch zur moralischen Instanz erhoben. Auch damit musste man bei ihm zweifelsohne rechnen.