Kommentar

Unendliches Leid

Archivartikel

 

Den Schmerz der Eltern kann niemand ermessen. Ein 15 Jahre altes Mädchen wird durch die Hand seines ehemaligen Freundes brutal aus dem Leben gerissen. Wut, Trauer und unendliches Leid machen nach der Bluttat von Kandel sprachlos. Dass der mutmaßliche Täter ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan ist, gibt dem schockierenden Angriff eine brisante Dimension. So kündigt die rheinland-pfälzische AfD-Fraktion keine 24 Stunden nach den tödlichen Stichen an, den Fall politisch aufarbeiten zu wollen. Um die Trauer der Angehörigen nicht für populistische Propaganda zu missbrauchen, muss nun vor allem sachlich diskutiert werden.

Zu schnell werden Stimmen laut, die nach Konsequenzen rufen. Selbst bei der Mahnwache lassen sich manche zu verallgemeinernden Aussagen hinreißen. So wird „das Frauenbild der Flüchtlinge“ bemüht. Macht man sich aber die Mühe, genau hinzusehen, ist klar, dass gerade in Afghanistan die Mutter das Familienoberhaupt ist und das Frauenbild von jungen Afghanen von großer Wertschätzung geprägt wird. Das Ende einer Liebesbeziehung kann indes für junge Männer – ganz gleich welcher Herkunft – eine narzisstische Kränkung bedeuten. Manche reagieren darauf mit Resignation, andere mit Wut oder Aggressionen gegen sich oder gegen andere.

Es ist zu einfach, nach den fatalen Messerstichen den Behörden Vorwürfe zu machen, denen der 15-Jährige bereits wegen Körperverletzung bekannt war. Und den die Eltern des Opfers wegen Bedrohung angezeigt hatten. Darauf hat die Polizei mit einer Gefährderansprache reagiert. Sie soll einem auffällig gewordenen Menschen zeigen, was passiert, wenn er noch einmal gegen Gesetze verstößt. In den meisten Fällen reicht das als Warnung aus. Aber de facto kann keine behördliche Maßnahme absoluten Schutz bieten. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie sich ein Mensch wann verhalten wird.

Doch Vorverurteilungen lindern das Leid der Familie nicht. Sie säen nur Hass. Hass, der vielleicht irgendwann anderen Eltern ihr Kind nimmt.

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