Kommentar

Unhaltbare Zustände

Archivartikel

Das Pfund Rinderhack für weniger als 2,50 Euro, 100 Gramm Putensteak für nicht einmal 60 Cent. Bei solchen Schnäppchen greifen viele gern zu. Unter welchen Umständen die Billigst-Angebote zustande kommen, interessiert offenbar weniger bis gar nicht. Dabei ist die deutsche Fleischindustrie schon seit Jahren auch ein verlässlicher Produzent von schlechten Schlagzeilen. Mal geht es um katastrophale Arbeitsbedingungen, ein anderes Mal um massive Verstöße gegen tierschutzrechtliche Bestimmungen. Die Aufregung ist regelmäßig groß. In aller Regel legt sie sich aber schnell wieder.

Nun also spielen einige Schlachtereien auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie eine unrühmliche Rolle. Zahlreiche Mitarbeiter haben sich infiziert. Allein der Kreis Coesfeld in Nordrhein-Westfalen ist deshalb zu einem Virus-Hotspot geworden. Ob das in erster Linie den hygienischen Zuständen im Unternehmen selbst geschuldet ist, oder denen in Sammelunterkünften osteuropäischer Werk- und Saisonarbeiter, bedarf sicher noch weiterer Untersuchungen. Aber wirklich verwundern können die Vorfälle nicht. Bestimmte Geschäftsmodelle in der Branche waren auch schon vor Corona dubios genug. Mittels Werkverträgen und Subunternehmen entziehen sich manche Schlachthofbetreiber zielgerichtet ihrer Verantwortung für die Beschäftigten. Das umso mehr, als die zuständigen Behörden viel zu wenig kontrollieren. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel wird ein Unternehmen im Schnitt nur noch alle 25 Jahre arbeitsschutzrechtlich unter die Lupe genommen. Windige Geschäftemacher dürften sich da noch bestärkt fühlen.

Hoffentlich sorgt Corona jetzt für ein Umdenken. Zumal die Leidtragenden auch unbeteiligte Bürger sind. Sie müssen die überdurchschnittlich hohen Infektionszahlen in ihrer Region ebenfalls mit einer Verlängerung persönlicher Einschränkungen bezahlen. Vielleicht auch ein Grund, um einmal näher über spottbillige Fleisch- und Wurstwaren nachzudenken.

 
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