Kommentar

Unruheherd

Archivartikel

Tobias Käufer rechnet damit, dass Boliviens Ex-Präsident Evo Morales auch nach seiner Flucht nach Mexiko ein Faktor in der Politik bleiben wird

Die Flucht von Ex-Präsident Evo Morales nach Mexiko wird nicht nur Bolivien verändern. Bislang galt das politische Schwergewicht als ein Stabilitätsanker in der Region. Fast 14 Jahre lang hat Morales Bolivien regiert. Er hat das Land modernisiert, wirtschaftlich vorangebracht und die indigenen Rechte gefördert. Das ist der Grund, warum er vor allem im Ausland positiv bewertet wird. Im eigenen Land aber ist ihm sein am Ende zunehmend autokratischer Regierungsstil, die mit der erneuten Kandidatur verbundene Missachtung der Verfassung, des Wählerwillens und schließlich mit den Unregelmäßigkeiten bei der Stimmenauszählung auch noch sein gespaltenes Verhältnis zur Demokratie zum Verhängnis geworden.

Was bedeutet das nun alles für die Zukunft Boliviens und Lateinamerikas? Derzeit tobt ein Kampf um die Deutungshoheit über das, was in Bolivien passiert ist. Die Fakten sprechen gegen den Sozialisten Morales: Die durch eine Kommission der OAS festgestellten gravierenden Mängel bei der Stimmenauszählung sind ein schweres Verbrechen gegen die Demokratie. Sie sind nichts anderes als ein Betrug am Wähler. In der Politik aber zählen oft eben nicht Fakten, sondern Überzeugungen. Und ein Großteil der internationalen linken Politik will aus Morales keinen Wahlfälscher machen, sondern ein Opfer eines Putsches. Ein Wahlbetrug des Vorzeige-Sozialisten Morales wäre für das linke Projekt eine Katastrophe. Dazu zählen auch die Bilder von den Umständen seiner Flucht nach Mexiko.

Morales inszeniert sich als Opfer, während seine gewaltbereiten Anhänger – wie zuvor übrigens auch Teile der Opposition – durch La Paz ziehen und Teile der Bevölkerung terrorisieren.

Morales wird weiter ein Faktor für die Politik bleiben. Sein Fall wird in den mit ihm verbündeten Linksdiktaturen in Venezuela, Kuba und Nicaragua aufmerksam verfolgt. In Venezuela hofft Oppositionsführer Juan Guaido, dass seine Bewegung neuen Schwung bekommt, und ruft für den Samstag zu einer neuen Großdemonstration auf. Kuba und Nicaragua werden die Bestrebungen der Opposition genau beobachten.

In Bolivien selbst wird es der künftige Präsident schwer haben, seine Vorstellungen durchzusetzen. Morales hat immer noch eine starke Hausmacht, die er durch die sozialen Netzwerke direkt erreichen und steuern kann. Als Opfer eines Putsches wird das besser gelingen als aus der Position eines überführten Wahlfälschers. Bolivien wird in den nächsten Jahren zum Unruheherd werden. Und es wird nicht lange dauern, dann werden sich nicht wenige Bolivianer die Rückkehr eines starken Mannes wünschen. Vielleicht sogar die des Evo Morales.

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