Kommentar

Unsinnig

Archivartikel

Barbara Klauß hält ein Verbot von Gesichtsschleiern in der Öffentlichkeit für falsch – und warnt davor, durch Ausgrenzung Gräben weiter zu vertiefen

 

Die immer wieder hochkochende Debatte über ein Vollverschleierungsverbot in der Öffentlichkeit ist eine Scheindebatte. Auch wenn niemand genaue Zahlen kennt: Frauen, die ihr Gesicht komplett verhüllen, gibt es in Deutschland kaum. Abgesehen von Einzelfällen ist nicht bekannt, dass Burka oder Nikab das alltägliche Zusammenleben empfindlich stören würden. Wo doch Schwierigkeiten auftauchen, werden sie in aller Regel mit gesundem Menschenverstand und ohne großes Aufhebens gelöst. Wozu also ein Verbot?

Begründet werden die Forderungen nach einem solchen Verbot oft mit Terrorabwehr. Vielfach auch mit einem angeblichen Kampf für Frauenrechte. Beides verfängt nicht. Beispiel Österreich: Das Verschleierungsverbot in der Öffentlichkeit, das dort mit großem Getöse eingeführt wurde, hat in den ersten sechs Monaten gerade einmal zu 50 Anzeigen geführt: unter anderem gegen Menschen, die Ski- oder Atemschutzmasken trugen. Und gegen einen Mann in einem Haifischkostüm.

Das allein zeigt die Absurdität des Gesetzes. Soweit bekannt ist, wurde dank des Verbots keine einzige Straftat verhindert, ge-schweige denn ein terroristischer Anschlag. Will man Frauen tatsächlich vor einem – angenommenen – Zwang schützen, ist ein Verschleierungsverbot der falsche Weg. Es wäre naiv zu glauben, Frauen gingen deshalb plötzlich unverhüllt auf die Straße. Wahrscheinlicher ist, dass sie das Haus gar nicht mehr verließen. So wird nicht Integration vorangetrieben, so werden Menschen ausgeschlossen und Parallelgesellschaften zementiert.

Ganz offensichtlich geht es bei den Forderungen nach einem Vollverschleierungsverbot in der Öffentlichkeit, die hauptsächlich aus der rechten Ecke kommen, um etwas anderes. In Wahrheit zielen sie darauf ab, den Islam und Migranten insgesamt in Verruf zu bringen, ihre vermeintliche Rückständigkeit zu belegen, die Unterschiede zwischen den Kulturen zu betonen – und so Gräben zwischen den Menschen, die in diesem Land leben, zu vertiefen statt sie zuzuschütten. Das ist nichts anderes als Populismus, der niemandem etwas bringt. Niemand muss eine totale Verhüllung von Frauen gutheißen. Es gibt berechtigte Gründe, Burka oder Nikab abzulehnen, sie gar als Zeichen der Unterdrückung von Frauen zu verstehen. Eine vollverschleierte Frau widerspricht unseren Vorstellungen von Freiheit und Gleichberechtigung. Doch das rechtfertigt noch lange kein gesetzliches Verbot. Vielmehr sollten wir voller Stolz auf unsere offene und tolerante Gesellschaft das Recht auf Religionsfreiheit und die Persönlichkeitsrechte hochhalten. Und uns in Toleranz üben.