Kommentar

Unter strenger Beobachtung

Marc Stevermüer zu Bundestrainer Joachim Löw

Wenige Stunden nach ihrem Mann Thomas äußerte sich auch Lisa Müller – was in der bisweilen bizarren Welt des Profi-Fußballs durchaus von Bedeutung ist. Man erinnere sich nur daran, welch ein kolossales Medienecho die junge Frau auslöste, als sie vor wenigen Monaten über das soziale Netzwerk Instagram die späte Einwechslung ihres Gatten beim FC Bayern recht frech kommentierte – und damit auch Bayern-Trainer Niko Kovac kritisierte.

Diesmal hielt sie sich zumindest inhaltlich zurück. „Wir halten zusammen“, gab sie ihrem frisch aus der Nationalmannschaft ausgebooteten Thomas mit auf den Weg. Der hatte zuvor bereits einigermaßen eindeutig klargemacht, was er denn so von seiner Verbannung aus der DFB-Elf hält und hatte dafür viel prominente Unterstützung erhalten. Zum Beispiel von seinen langjährigen DFB-Kollegen Sami Khedira und Mario Götze, selbstverständlich auch vom FC Bayern, was die Sache für Bundestrainer Joachim Löw durchaus gefährlich macht.

Abkehr von eigener Analyse

Auch wenn es inhaltlich gute Gründe für diese Entscheidung gab, die Art und Weise der Kommunikation war schlichtweg stillos. Noch dazu widerspricht Löw mit der künftigen Nichtberücksichtigung von Jérôme Boateng, Mats Hummels und Müller seiner eigenen WM-Aufarbeitung, die 2018 angesichts des Ausmaßes der Katastrophe bemerkenswert eindimensional ausfiel. Der Bundestrainer Löw durfte den Bundestrainer Löw analysieren und kam nach Wochen des Schweigens zu der bahnbrechenden Erkenntnis, dass der Bundestrainer Löw einfach weitermacht. Und zwar mit dem bestehenden Personal. Noch im Oktober betonte er, wie wichtig Spieler wie Müller und Hummels sind, weil man ihre Erfahrung brauche.

Und jetzt das, diese panische Abkehr von der eigenen Analyse, die in Verbindung mit der erneut diskutablen Außendarstellung ein mulmiges Gefühl hervorruft. Es entsteht der Eindruck, dass da einer immer noch recht wenig mit den Begriffen Demut und Bodenständigkeit anfangen kann, obwohl er im vergangenen Sommer die historische Blamage durch Fehlinterpretationen und Selbstüberschätzung sehenden Auges herbeigeführt und hauptsächlich zu verantworten hat.

Mächtige Münchner

Zog Löw daraus Lehren? Fraglich! Momentan sieht es eher danach aus, dass der Bundestrainer weiterhin macht, was und vor allem wie er es will. Der 59-Jährige lebt in seiner Bundestrainer-Blase, die ihm ein Gefühl von Unantastbarkeit verleiht – auch weil der Südbadener damit rechnen kann, dass er vom DFB wenig zu befürchten hat. Präsident Reinhard Grindel ist schließlich selbst froh, dass er den vergangenen Sommer mit der umstrittenen vorzeitigen Vertragsverlängerung von Löw, dem WM-Debakel und dem Desaster um Mesut Özil halbwegs schadlos überstanden hat.

Doch nun formiert sich Widerstand gegen diese Gutsherren- und Besserwisser-Art – und der wird nicht von Lisa Müller angeführt, sondern vom gesamten FC Bayern München, einem mächtigen Club, den man lieber nicht verärgert und der schon jetzt dafür gesorgt hat, dass der Bundestrainer künftig unter strengerer Beobachtung steht.

Für Löw ist das mindestens ein alarmierendes Signal, für den deutschen Fußball zumindest kein schlechtes.