Kommentar

Unterschätzte Gefahr

Archivartikel

Deutschland hat die Corona-Krise derzeit unter Kontrolle. Das ist kein Zufall, sondern darauf zurückzuführen, dass die Politik in zentralen Fragen den Erkenntnissen der Wissenschaft folgte. Länder, in denen das anders ist, etwa Brasilien und die USA, verzeichnen hingegen sehr hohe Infektionszahlen. Doch auch hierzulande bleibt es ein fragiles Gleichgewicht, wie einzelne Ausbrüche zeigen. Um weiter die Balance zu halten, gilt es daher, neues Wissen zu berücksichtigen. Und das betrifft auch die Schulpolitik.

Vergleichsweise neu ist etwa die Erkenntnis, welch zentrale Rolle Aerosole bei der Ausbreitung von Coronaviren spielen. Diese kleinsten Teilchen aus Speichel gelangen bereits beim Sprechen in die Umgebungsluft. Und sie sinken nur langsam ab. Gerade in geschlossenen Räumen, in denen sich viele Menschen aufhalten, bergen sie eine große Gefahr. Also auch in Klassenzimmern, die ab kommendem Schuljahr wieder voll besetzt sein werden.

Lüften bei Minustemperaturen

Das Robert Koch-Institut hat das Problem der Aerosole zwar erkannt, doch auf Länderebene ziehen die Kultusministerien erstaunlich wenig Konsequenzen. Sicher, im Hygieneplan der Kultusministerkonferenz für das kommende Schuljahr wird Stoßlüften der Klassenzimmer mindestens alle 45 Minuten vorgegeben. Doch das wäre es dann auch. Ob diese Maßnahme ausreicht, ist unklar. Zudem steht zu befürchten, dass die Bereitschaft zu lüften proportional zu den sinkenden Temperaturen fällt. Im Sommer stehen während des Unterrichts Fenster und Türen offen. Doch welche Schüler und Schülerinnen würden bei klirrender Kälte schon freiwillig mit Skijacke und Mütze bekleidet den Fensterplatz einnehmen?

Andere Möglichkeiten, gegen Aerosole vorzugehen, ziehen die Verantwortlichen derzeit nicht in Erwägung. Dabei gibt es laut Umweltbundesamt spezielle Filter, die Coronaviren aus der Luft entfernen. Auch denkbar: in die Fenster eingesetzte Ventilatoren, die die Innenluft nach außen transportieren. Die Kultusministerien aber verweisen, was bauliche Veränderungen angeht, an die Schulträger; und die zurück an die vagen Hygienepläne der Kultusminister. Niemand fühlt sich zuständig.

Das aber ist riskant – auch mit Blick auf eine neue Studie aus Südkorea. Demnach sind jüngere Kinder zwar seltener Überträger des Coronavirus. Bei 10- bis 19-Jährigen aber sieht das anders aus. Sie geben das Virus ebenso häufig wie Erwachsene weiter.

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