Kommentar

Ursachen der Monotonie

Alexander Müller zur Langeweile im Titelrennen

 

Wenn beim FC Bayern die Meisterschaft gefeiert wird, erinnert das mittlerweile an den traditionellen Fassbieranstich auf dem Oktoberfest. Irgendwie freut man sich schon noch bei den Roten, aber es ist auch viel Routine und pflichtschuldiges Ritual dabei. Das kann man den Münchnern natürlich nur bedingt zum Vorwurf machen.

Denn die emotionale Aufladung eines spannenden Titelrennens, wie sie etwa 2001 noch zu erleben war, als die Süddeutschen den armen Schalkern die Schale in allerletzter Sekunde entrissen, gibt es seit Jahren nicht mehr. „20 Punkte plus x“ so lautete zuletzt regelmäßig die bayerische Meisterformel – gemeint ist der Vorsprung des Sechsmal-in-Folge-Meisters auf den Zweitplatzierten.

Dass dieser Zustand der Monotonie der Attraktivität der Liga auf Dauer nicht guttut, wissen wahrscheinlich sogar die Bayern selbst längst. Aber die richtigen Schlüsse aus diesem Befund ziehen sie nicht. Statt ihre finanzielle Übermacht dazu einzusetzen, Talente aus dem eigenen Stall mit der bestmöglichen Ausbildung an die höchsten Aufgaben heranzuführen und damit auch der Nationalmannschaft einen großen Dienst zu erweisen – wie es zum Beispiel Real Madrid und der FC Barcelona seit Jahren vormachen – oder wenigstens beim Clubadel im Ausland zu wildern, wurde zuletzt primär systematisch die nationale Konkurrenz geschwächt.

Die neue Rücksichtslosigkeit

Borussia Dortmund hat den Aderlass seiner Besten in Richtung München (Lewandowski, Hummels) bitter bezahlt, auch wenn zur Tristesse in dieser Saison auch jede Menge hausgemachte Probleme beigetragen haben. Auf Schalke, wo gerade wieder die zarte Blüte einer verheißungsvollen Mannschaft sprießt, beklagen sie den Verlust ihres Anführers Leon Goretzka. Der spielt nächste Saison in München, ablösefrei. Selbst Eintracht Frankfurt erfuhr die Münchner Selbstherrlichkeit und Rücksichtslosigkeit gegenüber den Rivalen in der Bundesliga am eigenen Leib, als die Bayern den Hessen auf ziemlich unmögliche Art und Weise Erfolgstrainer Niko Kovac ausspannten. Ein Team aufzubauen, das mittelfristig wieder in Reichweite der Münchner kommen könnte – wie es Borussia Dortmund bei den Titelgewinnen 2011 und 2012 geschafft hat –, ist unter diesen Umständen fast unmöglich geworden.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Politik des Rekordmeisters ist selbstverständlich legitim, im modernen Fußball frisst der größte Fisch eben die kleineren. Nur darüber beschweren, dass sie in der Bundesliga nicht mehr gefordert werden und deshalb bei den internationalen Aufgaben im Nachteil sind, dürfen sich die Münchner nicht. Daran sind sie ein Stück weit selbst schuld. In der Allianz Arena werden in den kommenden Jahren noch jede Menge gequält wirkende Meisterfeiern veranstaltet werden.