Kommentar

Verbale Fehltritte

Archivartikel

Peter Reinhardt zu den Irrungen und Wirrungen von Boris Palmer

Boris Palmer hat ein politisches Sendungsbewusstsein, das ihn immer wieder in die größten Probleme bringt. Ernsthafte Kritik an seiner Arbeit als Tübinger Oberbürgermeister ist selten. Doch die kommunalpolitischen Erfolge reichen ihm nicht. Geradezu zwanghaft steigt Palmer in die aktuellen Debatten ein. Er ist ein Quergeist, der Probleme oft tief durchdringt. Aber er ist längst auch ein Medienphänomen, weil er mit großer Sicherheit die Themen gegen den Strich bürstet, der bei den Grünen vorherrscht. Das bringt Aufmerksamkeit für ihn und die Medien. Viel Ärger könnte er sich ersparen, wenn er die durchaus vorhandenen Vorsätze, einfach mal die Klappe zu halten, nicht nach Tagen schon wieder vergessen hätte.

Die verbalen Fehltritte häufen sich. Gleichzeitig wächst die Uneinsichtigkeit. Der fatale Satz über die Rettung von Menschen mit Vorerkrankungen in der Corona-Krise bietet so viel Raum für Missverständnisse, dass Palmer durch seine Versuche einer Rechtfertigung alles noch viel schlimmer macht. Dabei ist er Profi genug, um die Mechanismen der Empörungsmaschinerie zu kennen. Ein intelligenter Politiker wie er muss das einfach bei der Wortwahl bedenken. Schon zu oft hat er polarisierende Debatten losgetreten, die ihn dann auch selbst zur Zielscheibe gemacht haben. Dass ihm seine Gegner alles Mögliche, bis hin zum Tod wünschen, ist dennoch nicht zu rechtfertigen.

Auch wenn es Palmer nicht einsehen mag: Er ist für seine Partei zur Belastung geworden. Irgendwann reißt dann der Geduldsfaden. Der Corona-Ausrutscher könnte der Tropfen sein, der den Eimer jetzt zum Überlaufen bringt. Palmer ist es zuzutrauen, dass er auch gegen das Votum der eigenen Partei in Tübingen die OB-Wahl gewinnt. Das macht es für die Grünen so schwierig, mit ihrem Quälgeist umzugehen.

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