Kommentar

Verheerend

Madeleine Bierlein kritisiert, dass schwer kranke Patienten viel zu oft in die Erwerbsminderungsrente abgeschoben werden

 

Wer schwer krank wird, sich gar mit einer lebensbedrohlichen Diagnose wie Krebs konfrontiert sieht, der braucht vor allem eines: Unterstützung. Die kommt idealerweise von Ärzten, der Familie, Freunden, dem Arbeitgeber und Behörden. Doch viel zu oft sieht die Realität anders aus. Gerade den Menschen, die das Schicksal ins Straucheln gebracht hat, werden zusätzlich Steine in den Weg gelegt.

Beispiel Kostenträger: Wird ein Angestellter arbeitsunfähig, bezahlt zunächst der Arbeitgeber sechs Wochen den Lohn weiter. Doch danach beginnt ein unwürdiges Hin- und Hergeschiebe zwischen Krankenversicherung, Rentenkasse und je nach Situation auch Arbeitsämtern. Häufig landen die schwer kranken Patienten gegen ihren Willen voreilig in der Erwerbsminderungsrente.

Das ist für die Betroffenen verheerend. Zum einen droht ein Absturz in die Armut. Und zum anderen stellt das Verfahren mit seinen Anträgen und angedrohten Konsequenzen einen gefährlichen Stress für die ohnehin körperlich und seelisch geschwächten Menschen dar.

Doch selbst wer nach überstandener Krankheit den Weg zurück in die Normalität sucht, hat es schwer. Denn die Kategorien von Arbeitsmarkt und Sozialsystem passen in zahlreichen Fällen schlicht nicht. Viele Frauen und Männer sind zwar nicht mehr akut krank, doch dauerhaft beschwerdefrei sind sie auch nicht. Dazu kommt: Eine allgemeingültige Lösung gibt es nicht. Während eine Person mit einer Wiedereingliederungsmaßnahme und anschließender Teilzeitstelle wieder Fuß fassen kann, sind bei einer anderen deutlich flexiblere Modelle gefragt.

Immerhin zeugen die Schwierigkeiten, gesundheitlich angeschlagene Personen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, von einer sehr erfreulichen Entwicklung: Durch die Fortschritte in der Medizin ist die Zahl derjenigen gestiegen, die eine schwere Erkrankung überstehen oder zumindest noch jahrelang gut damit leben.

Es ist daher allerhöchste Zeit, dass soziale Sicherungssysteme und Arbeitgeber dem Rechnung tragen. Wenn die schwarz-rote Koalition tatsächlich Vollbeschäftigung anstrebt, dann sind neue, ungewöhnliche Modelle dringend nötig – für Langzeitarbeitslose, aber auch für einst Schwerkranke. Profitieren würden davon alle: diejenigen, die sich trotz aller Schwierigkeiten wieder im Berufsleben einbringen möchten, die Sicherungssysteme, die damit viel Geld sparen würden, und die Arbeitswelt. Denn sie hat schon viel zu lange auf die Fähigkeiten und Kenntnisse so vieler Menschen verzichtet.

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