Kommentar

Verlorene Sicherheit

Archivartikel

Madeleine Bierlein ist der Meinung, dass Fakten allein nicht gegen Verschwörungsmythen ankommen

Ob Frankreich, die USA oder Großbritannien: Aus zahlreichen Ländern blicken die Menschen derzeit erstaunt nach Deutschland. Sie bewundern, wie wir die Pandemie in den Griff bekommen und dass bei uns im Vergleich zu anderen Ländern bislang viel weniger Patienten gestorben sind. Gleichzeitig geschieht hierzulande Merkwürdiges. Aktivisten, die sich selbst als Patrioten bezeichnen, säen eine giftige Saat, mit der sie das Land destabilisieren wollen. Und ihre Worte finden bei vielen Menschen Gehör.

Die Aussagen, die Verschwörungstheoretiker wie Attila Hildmann, Ken Jebsen und andere verbreiten, widersprechen sich dabei auf teils absurde Weise. Mal gibt es das Coronavirus nicht, mal stammt es aus einem chinesischen Labor oder wurde vom US-Geheimdienst entwickelt. Meist stecken die Mächtigen – Politiker, Virologen oder auch Bill Gates – unter einer Decke, andererseits wird deren Uneinigkeit als Argument für neue Mythen genutzt.

Man könnte die Liste der Unstimmigkeiten beliebig weiterführen. Doch um Fakten geht es hier gar nicht – sondern um Gefühle. Die Corona-Pandemie hat den Menschen die Sicherheit genommen. Das Leben, das wir kennen, gibt es derzeit nicht mehr. Noch immer ist unklar, wann eine Rückkehr zur einstigen Normalität möglich sein wird. Dafür ist noch zu wenig über das neue Coronavirus und seine Ausbreitung bekannt – und gleichzeitig zu viel, als dass der Einzelne dieses Wissen vollständig erfassen könnte. Die Folgen sind: Hilflosigkeit, Angst, das Gefühl, ausgeliefert zu sein.

Und hier kommen die Verschwörungsmythen ins Spiel. Sie bieten in unübersichtlichen Zeiten einfache Antworten – und dabei ein beliebtes und zutiefst menschliches Deutungsmuster. Das lautet: Gut gegen Böse. Wobei die Bösen die Mächtigen der Welt sind und die Guten all jene, die von ihnen unterdrückt werden.

Dieses Modell ist mehr als ein Lügenmärchen, es erfüllt eine zentrale soziale und psychologische Funktion. Denn es schließt Chaos und Zufall – wie wir sie gerade erleben – aus. Wenn alles gelenkt ist, gewinnt der Mensch scheinbar seine Handlungsfähigkeit zurück. Allerdings wird dieser Triumph in der Pandemie bestenfalls von kurzer Dauer sein. Denn das Virus trifft uns unabhängig davon, ob wir daran glauben oder nicht.

Für die deutsche Politik, ja die Gesellschaft heißt das: Sie muss nun nicht nur gegen Corona, sondern auch gegen die sich ausbreitenden Verschwörungsmythen vorgehen. Fakten zu liefern kann dabei nur ein Teil der Antwort sein. Ebenso wichtig, vielleicht noch wichtiger ist es, die Menschen auf der emotionalen Ebene zu erreichen, ihnen das Gefühl von Selbstwirksamkeit zurückzugeben. Da für aber braucht es eine gemeinsame Vision, wie wir als Gesellschaft gemeinsam der Pandemie die Stirn bieten können. Die ist die Politik bislang schuldig geblieben.

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