Kommentar

Versunken im Chaos

Rolf Obertreis über Wechsel bei der Deutschen Bank

Jetzt soll es auf einmal ganz schnell gehen. Und dann noch mit einem Manager, den niemand wirklich auf der Rechnung hatte. Christian Sewing, 47, ist eigentlich zu jung. Was Aufsichtsratschef Paul Achleitner auf einmal bewogen hat, jetzt schon auf den Privatkunden-Chef zu setzen, bleibt sein Geheimnis. Ganz offensichtlich gibt es niemand anderen, der den eher unattraktiven Job bei der im Führungschaos versunkenen Deutschen Bank übernehmen will.

Sewing, das Eigengewächs, übernimmt eine schwere Aufgabe bei einer Bank, die in der Verlustzone und im Imagetief steckt und deren Aktienkurs weitgehend am Boden liegt. Außerdem hat er seine Bewährungsprobe noch vor sich: die Integration der Postbank und den Abbau von Tausenden von Arbeitsplätzen. Wirklich überzeugend wirkte Sewing bei seinen bislang wenigen öffentlichen Auftritten auch nicht. Angeblich genießt er aber den Rückhalt bei den Beschäftigten, zumindest bei denen in Deutschland. Sewing muss sich nun gegen die starke Macht der Investmentbanker durchsetzen, deren Position durch neue Kandidaten – wie Ex-Merrill Lynch-Chef John Thain – im Aufsichtsrat auch noch gestärkt werden soll.

Und Marcus Schenck? Er dürfte das Unternehmen schnell verlassen. Schließlich hat sich der Chef der Investmentsparte den Job an der Spitze nicht nur zugetraut – sondern ihn klar im Auge gehabt. Unter einem Vorstandsvorsitzenden Sewing wird der mehr als selbstbewusste Schenck bestimmt nicht arbeiten wollen. Mit der ersehnten Ruhe bei der Deutschen Bank ist es trotz Führungswechsels noch weit hin.