Kommentar

Vertrag ist eine Chance

Archivartikel

Detlef Drewes über die Einigung auf einen Handelsvertrag

Es wäre Unsinn, nun nach dem Verlierer oder Gewinner dieses Deals zu fragen. Beide Seiten haben sich bewegt. Das Vereinigte Königreich verliert selbstverständlich gewordene Errungenschaften. Aber es gewinnt auch die Eigenständigkeit, auf die die Brexiteers jahrelang gesetzt haben. Die Europäische Union verliert einen wichtigen Partner. Aber der Scheidungsvertrag ist keineswegs so nachteilig ausgefallen, wie von vielen befürchtet worden war.

Mehr noch: London und Brüssel wissen, dass man mit diesem Grundlagenabkommen in den nächsten Jahren noch viel nachverhandeln und somit zurückholen kann, was sich in der Praxis als zu kompliziert, zu widersinnig oder zu bürokratisch herausstellt. Das ist auf der bilateralen Ebene der Behörden übrigens einfacher als im Kreis der Regierungen.

Schon jetzt haben das Vereinigte Königreich und die EU bei der Bekämpfung des Coronavirus oder beim Klimaschutz gespürt, dass man sich weiter gegenseitig braucht. Daran wird sich nichts ändern. Oder anders gesagt: Es gibt keinen extrem harten Bruch. Die beiden Partner werden sich eher wieder einander annähern.

Beide Seiten brauchen einander

Das ist möglich, weil man in den Verhandlungen am Ende endlich miteinander und nicht gegeneinander gerungen hat. Und weil man dies auch weiter tun wird. Denn bei diesem Deal handelt es sich um einen Handelsvertrag. So blieben etliche wichtige Politikbereiche ausgespart – wie beispielsweise die Außen- und Sicherheitspolitik.

Gerade dort aber warten auf beide Seiten in den nächsten Jahren große Herausforderungen, wenn London und Brüssel ihre Position gegenüber Russland, China und den Vereinigten Staaten definieren müssen. Die Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung hat sich bei der Bekämpfung der Pandemie als unverzichtbar herausgestellt. Das sind nur zwei Beispiele für eine Vielzahl von Herausforderungen, die aller Trennung zum Trotz beide nur gemeinsam werden bestehen können.