Kommentar

Vertrauen und Verantwortung

Marc Stevermüer zur Fan-Rückkehr im Sport

Wenn ein Stein nach dem anderen fällt, dann ist genau das der berühmte Dominoeffekt. Am späten Montagnachmittag verkündete zunächst das Bundesland Schleswig-Holstein eine Lockerung seiner Corona-Regeln bei der Zulassung von Zuschauern bei Sportveranstaltungen, wenig später vermeldeten die hessischen Handball-Bundesligisten MT Melsungen und HSG Wetzlar die Zulassung ihrer Hygienekonzepte. Und am Abend deutete Kanzleramtsminister Helge Braun an, dass eine bundesweite Regelung zur Rückkehr der Fans in die Stadien und Hallen zeitnah besiegelt werden könnte. Der Beschluss folgte keine 24 Stunden später. Fest steht: Der deutsche Sport erhält eine große und möglicherweise auch gewagte Chance, aber ganz bestimmt keine Sonderbehandlung, wenn vernünftige Hygienekonzepte vorliegen.

Jeder Club in der Pflicht

Man muss nur am Wochenende mal mit der Straßenbahn in Mannheim oder München, in Heidelberg oder Hamburg in die Innenstadt fahren. Da wird es schon recht schwierig mit dem Abstand. Eigentlich sogar unmöglich. Warum sollte man dann nicht auch 16 000 Menschen in ein Stadion mit 80 000 Plätzen lassen? Es gibt auf dieser Diskussionsgrundlage kaum Argumente dagegen.

Klar ist aber auch: Die jetzige Entscheidung ist keinesfalls ein Freifahrtschein – und die Befristung auf eine sechswöchige Testphase ein sehr kluger Schachzug. Denn aus diesem Vertrauensvorschuss und der zeitlichen Begrenzung ergeht automatisch ein Auftrag, ja sogar eine Pflicht: Der deutsche Sport muss gewissenhaft und fürsorglich mit der ihm eröffneten Perspektive umgehen. Alle Vereine stehen von nun an in der Verantwortung, die Einhaltung der Hygieneregeln in ihrer Halle, in ihrer Arena, in ihrem Stadion zu kontrollieren und Fehlverhalten rigoros zu ahnden. Vernunft, Rücksichtnahme und Solidarität sind überall und ausnahmslos das Gebot der Stunde. Und wer sich nicht benehmen, nicht den Abstand und somit den Anstand wahren kann, fliegt ganz einfach raus.

Kollektivstrafen unangebracht

Womit wir bei den DFB-Pokal-Spielen am Sonntag in Rostock und am Montag in Dresden wären, als tausende Fans oft dicht gedrängt und zum Teil ohne Maske eine kleine Fußballparty feierten – ganz so, als sei nie etwas gewesen. Solche Bilder dürfen sich nicht wiederholen. Und wenn doch, wäre es falsch, den ganzen Sport zu maßregeln, ihn zu geißeln und zu verurteilen. Es darf nicht sein, dass das Chaos in einem Rostocker Fußballstadion Konsequenzen für einen Handball-Bundesligisten hat.

Kurzum: Jeder Verein hat sein Glück oder Pech von diesem Augenblick an in der eigenen Hand – und muss im Zweifel einzeln für seine Sorg- und Nachlässigkeit, für sein Versagen und somit auch Scheitern zur Rechenschaft gezogen werden. Oder anders ausgedrückt: Die Kollektivstrafe darf bei Verstößen gegen die Corona-Regeln nicht zum Tragen kommen, der eine oder andere Dominostein aber im Notfall ganz bewusst wieder aufgebaut werden.

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