Kommentar

Viel zu tun

Archivartikel

Barbara Klauß sieht Politik und Wirtschaft in der Pflicht, Familien noch weiter zu unterstützen

 

Eines der 792 131 Kinder, die im Jahr 2016 in Deutschland geboren wurden, ist heute 85 Zentimeter groß, hat blonde Locken, liebt Bagger und Bälle. Für dieses Kind hat sich die Autorin dieser Zeilen bewusst entschieden. Dass wieder mehr Menschen in Deutschland eine Familie gründen, ist großartig. Nicht nur für sie persönlich, auch für unsere Gesellschaft, die gerade dabei ist, hoffnungslos zu überaltern.

Doch auch der Blick in große braune Kinderaugen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Alltag mit solch einem kleinen Wesen nicht immer einfach ist. Auch im Jahr 2018 nicht.

Für manche mag das klingen wie ein Jammern auf hohem Niveau. Ja, in den letzten Jahren hat sich viel getan. Das Elterngeld entlastet finanziell und verschafft im besten Fall eine Verschnaufpause von 14 Monaten. Es gibt einen Betreuungsanspruch für Kleinkinder. In Rekordzeit wurden massenhaft Kita-Plätze aus dem Boden gestampft. Von all dem hätten frühere Generationen nur träumen können.

Dennoch zerreiben sich viele Eltern kleiner Kinder heute zwischen Job und Familie, hetzen zwischen Arbeitsplatz und Kita hin und her, führen auf dem Spielplatz mit dem Handy schnell noch dringende berufliche Gespräche.

Die Arbeitswelt ist eine vollkommen andere als noch vor 30 Jahren. Nicht nur, weil Mama und Papa in der Regel beide einen Job haben, sie arbeiten insgesamt auch länger, ihre Aufgaben sind vielfältiger und häufig anspruchsvoller. Moderne Kommunikationsmittel tragen dazu bei, dass mancher immer und überall erreichbar sein muss – auch, wenn er dem Kleinen vor dem Schlafengehen gerade noch ein Buch vorlesen wollte. Entsprechend müde und erschöpft sind viele Eltern.

Arbeitgeber, die nicht nur in matte Gesichter blicken und nicht auf gut ausgebildete Mitarbeiter verzichten wollen, müssen Eltern daher dringend besser unterstützen, etwa mit flexibleren Arbeitszeitmodellen. Oder mit der Möglichkeit, auch mal von zu Hause zu arbeiten, wenn das Kind mit glühend heißem Kopf aufwacht.

Es ist noch viel zu tun. Zumal – gesetzlicher Anspruch hin oder her – auch das Problem mit der Betreuung längst nicht gelöst ist. Noch fehlen deutschlandweit rund 300 000 Plätze für Kinder unter drei Jahren. Auch ist das Angebot von Region zu Region sehr unterschiedlich – und zum Teil extrem teuer. In manchen Städten zahlen Eltern 1000 Euro im Monat. Kinder muss man sich leisten können.

Wenn die Politik ernsthaft etwas gegen die Überalterung tun will, muss sie also schnell für genügend bezahlbare Kitaplätze und für bessere Arbeitsbedingungen für die Eltern sorgen. Nur so können sich mehr Menschen für eine Familie entscheiden – und mehr kleine Jungen und Mädchen lachend hinter einem Ball herlaufen.

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