Kommentar

Vitale Einheit

Archivartikel

Hagen Strauß zur anstehenden Europawahl: Für die Gemeinschaft steht viel auf dem Spiel – darüber sollten sich alle bei ihrer Entscheidung bewusst sein

Das Wort von einer „Schicksalswahl“ für die Zukunft Europas trifft zu. An diesem Sonntag geht es um viel. Darum, ob das Friedensprojekt Europäische Union ein solches bleibt. Oder ob Europa weiter zurückfällt in kleingeistigen Nationalismus.

Europa ist nicht perfekt. Deshalb muss man diejenigen stärken, die Europa nicht schaden, sondern besser machen wollen. In der Flüchtlingspolitik, beim Klimaschutz, beim sozialen Zusammenhalt und ja, auch bei einer viel engeren Kooperation in Sicherheits- und Verteidigungsfragen.

Es braucht dringend eine starke Kraft, die den Verrückten dieser Welt in Übersee und anderswo die Stirn bietet. Das kann nur Europa gemeinsam. Wer zweifelt, der sei daran erinnert, dass Europa zwar langsam und kompliziert ist, die Errungenschaften jedoch umso vitaler sind: Ein Kontinent ohne Grenzen und Schlagbäume, mit einer einheitlichen Währung ist und bleibt ein Kontinent der Chancen – vor allem für die Jugend.

Weniger Bürokratie

Das ist historisch einmalig. Rückabwicklung – nein, danke. Niemand sollte vergessen, was Europa bietet, was verlorengehen kann, wenn nationale Ressentiments wieder aufblühen und die Oberhand gewinnen sollten; wenn die Staaten wieder damit beginnen würden, sich abzuschotten. Wer ausschließt, wird auch selbst ausgeschlossen.

Also wählen gehen, bei allem Reformbedarf, den es gibt und der nach der Wahl dringend angegangen werden muss. Weg vom Einstimmigkeitsprinzip in der EU zum Beispiel. Mehr Konsequenzen gegen jene, die Europa nur ausbeuten und die gemeinsame Idee mit Füßen treten. Und ja, auch deutlich weniger Bürokratie – Brüssel muss nicht jede Kleinigkeit regeln. Wobei sich diese Erkenntnis auch in den EU-Etagen schon lange herumgesprochen hat.

Mehr Tempo

Europa braucht zudem in allen politischen Belangen mehr Tempo, um mit den USA, Russland und China mitzuhalten. Der Brexit zeigt, was passiert, wenn man seine Stimme nicht abgibt oder denen nachläuft, die die Vergangenheit als Zukunftsmodell preisen – am Ende herrscht Chaos und spielt denen in die Hände, die dieses Durcheinander wollen.

Das muss man im Hinterkopf behalten. Eine schlechte Wahlbeteiligung bei der Wahl am Sonntag schwächt Europa – und stärkt Wladimir Putin in Moskau und Donald Trump in Washington.