Kommentar

Vom Leben gewollt

Werner Kolhoff über Gentests zur Erkennung des Down-Syndroms: Die ganze Gesellschaft muss gegen Selektion vorgehen

Ob der Bundestag heute eine sogenannte Sternstunde erleben wird, ist offen; es dürfte sich aber lohnen, die „Orientierungsdebatte“ um die vorgeburtliche Diagnostik zu verfolgen.

Es geht um große ethische Fragen: Was darf der Mensch? Wer darf leben? Wer nicht? Es geht damit um die Menschlichkeit schlechthin.

Der gemeinsame Ausschuss von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen steht vor der Entscheidung, ob er einen Gentest als Kassenleistung gewährt, der frühzeitig erkennen lässt, wenn bei einem Fötus Trisomie 21 vorliegt, also das Down-Syndrom.

Über 90 Prozent der betroffenen Föten werden bei einer solchen Diagnose abgetrieben. Wohlgemerkt – es geht schon nicht mehr um das Ob. Der Test ist legal und wird bereits vieltausendfach durchgeführt. Er ersetzt gefährlichere Verfahren wie die Fruchtwasseruntersuchung.

Frage des Fortschritts

Formal geht es nur noch ums Geld, und da ist die Antwort eher einfach: Es ist schlicht eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, nicht der Ethik, dass der Test Kassenleistung wird. Wenigstens für Risikoschwangerschaften. Denn es kann nicht sein, dass arme Mütter behinderte Kinder austragen und großziehen müssen, reiche – oder Privatversicherte – aber nicht.

Doch damit endet es nicht. Die Forschung macht rapide Fortschritte, um alle möglichen Arten von Behinderung früh zu erkennen. Sogar die Veranlagung zu Krankheiten wie Diabetes oder Krebs. Aus Quantität wird dann Qualität. Sterben Behinderte aus? Und damit auch die Fähigkeit, mit ihnen zu leben? Wird man alles abtreiben, was nicht ins Leitbild passt? Gibt es bald das Designer-Baby, das schon im Mutterleib auf Defekte, Geschlecht und Haarfarbe getestet wurde? Werden Eltern unter Erwartungsdruck geraten, nur noch „ideale“ Kinder zu bekommen?

Einen Eindruck von verrutschten ethischen Standards gab gerade eine FDP-Anzeige, die für den Test auf Trisomie 21 als Kassenleistung warb und dazu ein kleines Down-Mädchen abbildete. Es wirkte wie die Aussage: Die müsste es nicht geben. Weg mit ihr.

Man sieht daran: Dass die Gesellschaft von sich aus die Moral haben wird, auf die Möglichkeiten des medizinischen Fortschritts zu verzichten, ist nicht zu erwarten. Wer kann, wird sich alle Tests leisten, zur Not im Ausland. Man wird diese Entwicklungen nicht mit Verboten aufhalten können, man kann ihnen nur Widerstände entgegensetzen. Und das muss man auch. Einer liegt im Abtreibungsrecht. Eine vermutete Behinderung wird als Abtreibungsmotiv zunehmen. Also muss die Beratung so gestaltet sein, dass sie das Ja zum Kind, auch zum behinderten, bestärkt und Hilfen anbietet.

Das Wichtigste aber wird es sein, in der gesamten Gesellschaft, wirklich in allen Sektoren, die Normalität des Zusammenlebens von Behinderten und Nichtbehinderten zu stärken. Einfach, weil das Leben sie gewollt hat.