Kommentar

Vor der Eskalation

Archivartikel

Detlef Drewes zu den Folgen eines zu starken Nationalismus in Europa

 

Spaniens Konflikt mit Katalonien droht zu eskalieren. Aber der Europäischen Union sind die Hände gebunden. Zum einen wäre die Übernahme eines Vermittlungsmandats eine schallende Ohrfeige für die spanische Regierung. Denn Brüssel würde damit die katalanischen Separatisten zu gleichwertigen Gesprächspartnern für Madrid adeln - und den Rechtsbruch eines verbotenen Referendums im Nachhinein legitimieren. Zum anderen fürchtet die EU alles, was den Aufstand der Autonomie-Befürworter bestärken könnte. Zu groß ist die Angst, dass die Rufe nach Unabhängigkeit in anderen Regionen noch lauter werden.

Schotten, Flamen, Südtiroler, Basken - in all diesen Republiken gibt es politische Kräfte, die nur darauf warten, den katalanischen Weg gehen zu können. So bleibt der EU tatsächlich nichts anderes übrig, als sich tunlichst herauszuhalten. Dennoch reagiert die Union unmissverständlich: Wenn die autonome Region Katalonien am Montag tatsächlich ihre Unabhängigkeit ausruft, werde dies gravierende Folgen haben. Denn Katalonien würde nicht nur die Gemeinschaft, sondern auch den Binnenmarkt, den Schengen-Raum sowie die Euro-Zone verlassen müssen.

Diese Worte sind nötig, weil diese Folgen von der Führung in Barcelona gern unter den Teppich gekehrt werden. Ein eigenständiger Staat Katalonien wäre nicht nur auf lange Sicht, sondern schon in Kürze praktisch nicht überlebensfähig.

Die Frage bleibt allerdings, ob sich die Gegner in Madrid und Barcelona nicht längst selbst gegenseitig so in die Ecke getrieben haben, dass ein Dialog kaum noch möglich ist. Europa fürchtet diese Eskalation und erinnert im Brüsseler Parlament mit Recht an einen Satz aus der letzten Rede des verstorbenen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand: "Nationalismus bedeutet Krieg."