Kommentar

Vorerst vergessen

Archivartikel

Inna Hartwich veranschaulicht Edward Snowdens schwierigen Alltag als Spielball internationaler Interessen

Er soll in einer gewöhnlichen Moskauer Wohnung leben, soll mit seiner Freundin mit der Metro durch die Stadt fahren, ein Leben führen, wie es viele Menschen in der russischen Hauptstadt führen. Wenn es um Edward Snowden geht, den ehemaligen Mitarbeiter des US-Geheimdiensts NSA, ist vieles ein Soll. Denn überprüfen lassen sich die Informationen über ihn, der den einen als Whistleblower-Held, den anderen als Verräter gilt, in Moskau kaum, sein Leben lebt er im Internet, wie er einst sagte. Bei Twitter, in Videoübertragungen auf Konferenzen.

Hin und wieder, meistens zu Jahrestagen seiner Asylgewährung durch Russland, berichtet er ausgesuchten Journalisten über seine Moskauer Jahre, übt Kritik am System, das ihn gefangen hält und in dem er nichts weiter kann, als bei diesem Pakt mit dem Teufel mitzumachen, den er vor fünf Jahren eingegangen war. Snowden bleibt ein Spielball politischer Interessen. Die Rolle russischer Geheimdienste ist weiterhin unklar, mag der frühere NSA-Techniker auch immer wieder betonen, er sei kein russischer Spion.

Anhand der Behandlung von Snowden zeigt sich wunderbar das russische Prinzip von Täuschung und Realität: Das Land kann sich als freiheitsliebendes Land und als Verteidiger eines Kampfes gegen den Überwachungsstaat präsentieren und gleichzeitig all das in die Wege leiten, wogegen Snowden sich so vehement einsetzte.

Russland versucht, den Messengerdienst Telegram zu blockieren, es verbietet das anonyme Surfen, setzt sich ein für ein Gesetz, das Internetfirmen zur Speicherung der Daten russischer Nutzer im Inland verpflichtet. Gerade dieses Gesetz, das sogar mit Snowdens Enthüllungen begründet wird, sorgt für Sperrungen von Seiten, vielleicht schon bald auch von Facebook und Twitter – Snowdens Internet-Existenz wäre vorbei.

Solche Entwicklungen müssten den Kämpfer für Freiheit und Transparenz in die Verzweiflung treiben, doch in Moskau ist sein Leben sicher. In den USA nicht. Der US-Präsident wollte das „menschliche Stück Müll“, wie er Snowden in seinen Wahlkampf-Tiraden beschimpfte, hingerichtet wissen. Die inszenierte Annäherung zwischen Putin und Trump birgt zunächst keine Gefahr für Snowden. Die Präsidenten, die sich in Helsinki als Kumpel gaben, redeten gar nicht erst über ihn. Snowden ist vergessen – könnte aber, je nach Weltlage, wieder im Spiel der Interessen dienen.

 
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