Kommentar

Vorlage am Stammtisch

Bertram Bähr zum Umgang mit den Grundschulen

 

Jeder kennt die gängigen Vorurteile: Lehrer haben viel Urlaub, nachmittags immer frei – und sind dazu noch faul. Einige von denen, die keine Kinder mehr auf der Schule haben, mögen solche Stammtischparolen für wahr halten. Und sich darüber aufregen, dass Grundschullehrkräfte jetzt sogar mehr Geld wollen. Eltern aber, deren Kinder erste bis vierte Klassen besuchen, können über die weit verbreiteten Klischees nur fassungslos den Kopf schütteln. Sie treffen auf junge Frauen, die sich weit über das erforderliche Maß hinaus engagieren. Sie treffen auf ältere, erfahrene Kolleginnen, die ihren Beruf trotz vielfältiger Belastungen noch immer voller Elan ausüben. Sie treffen auf Kollegien, die aus Überzeugung und mit viel Aufwand pädagogisches Neuland betreten – um der Kinder willen.

Dass sie sich dafür eine Bezahlung wünschen, wie sie etwa Kollegen in Gymnasien erhalten – wer wollte es ihnen verdenken. Aber was ihnen noch viel mehr fehlt, ist Wertschätzung. Wenn das Kultusministerium, ohne die Meinung der Betroffenen einzuholen, aufwendig umgesetzte Modellversuche per Erlass stoppt, schafft das tiefe Frustration. Beispiele gibt es genug: das Aus für die verbundene Grundschrift, das abrupte Beenden der Grundschule ohne Noten oder die Abschaffung des fremdsprachlichen Unterrichts.

Man kann über jeden einzelnen dieser Punkte trefflich streiten. Genau das passiert aber gerade nicht. Das Kultusministerium diskutiert nicht – es verordnet. Und behauptet in jedem einzelnen Punkt auch noch, es gehe um Qualitätsverbesserung. Wenn es wirklich darum ginge, würde die Landesregierung Förderstunden nicht als Abbruchhalde für Vertretungsstunden nehmen. Sie würde dafür sorgen, dass Inklusion und Ganztagsprogramm personell adäquat ausgestattet und Lehrer von Bürokratie entlastet werden. Stattdessen redet die Kultusministerin davon, man brauche besseren Unterricht – und gibt damit den Stammtischparolen neue Nahrung.