Kommentar

Vorsicht

Archivartikel

Detlef Drewes ist der Meinung, dass die EU bei der Grenzöffnung den Mitgliedstaaten die Entscheidung überlassen muss

Die Sehnsucht nach ein paar entspannten Wochen an den Stränden der griechischen, italienischen oder spanischen Inseln ist groß. Urlauber, Reisebüros, Airlines, Hoteliers – alle wünschen sich nichts mehr, als endlich wieder offene Grenzen und ohne Quarantäne-Beschränkungen reisen zu können. Doch das Coronavirus hat Spuren hinterlassen. Die Hoffnung auf baldige Lockerungen zwischen den EU-Mitgliedstaaten scheint genauso groß wie die Angst vor einer zweiten Welle, die am Ende durch eine verfrühte Aufhebung der Reisebeschränkungen ausgelöst werden könnte.

Und so dürfte der Fahrplan, den die Europäische Kommission diesen Mittwoch in Brüssel präsentiert, wohl weniger ein Freibrief für angstfreies Reisen sein, sondern vielmehr ein Beleg für die nach wie vor angespannte Situation in vielen Ländern dieser Union. Und wirklich Neues enthält das Tourismus-Papier auch nicht. Denn die Fluggesellschaften, Hoteliers und Restaurant-Betreiber haben längst begonnen, in ihren Maschinen, Zimmern und Gasträumen die Grundlagen für soziale Distanz zu schaffen und Vorkehrungen zur Desinfizierung zu treffen. Dazu bedurfte es dieses Dokumentes nicht.

In den wirklich wichtigen Fragen aber sind der EU-Kommission die Hände gebunden. Dass die Mitgliedstaaten die Übergänge untereinander nur werden öffnen wollen und können, wenn die epidemiologische Entwicklung annähernd gleich ist, weiß man in den Hauptstädten auch selbst. Und für ein Gesundheitszeugnis fehlen weiter jegliche genaueren Angaben – darunter auch die wichtige Antwort auf die Frage, was eine solche Bestätigung eigentlich nutzt, wenn sie einige Tage alt ist. Diese Unklarheiten erleichtern die Rückkehr zur Reisefreiheit nicht, sie hemmen sie. Weil die zuständigen Innenminister, die sich zu Recht in der Verantwortung sehen, wenn es um die Verhinderung einer zweiten Coronavirus-Welle geht, zurückhaltend und abwartend geben. Das Risiko ist einfach zu groß.

Genau genommen kann Brüssel gerade nichts anderes machen, als ein bisschen Hoffnung zu verbreiten und ansonsten vor der unterschiedlichen Situation in den Mitgliedstaaten zu kapitulieren. Das darf man dem europäischen Gesetzgeber nicht vorwerfen, weil er in dieser Phase immer nur auf die Zahlen aus den Mitgliedstaaten reagieren kann und den Regierungen vor Ort das Handeln überlassen muss – richtigerweise übrigens. Dabei bleibt das Argument, dass ein Virus vor einem heruntergelassenen Schlagbaum nicht Halt macht, ja richtig. Aber im Falle der Sommerferien geht es um mehr. Wenn Millionen Europäer in den Urlaub fahren, kommt dies einer Massenveranstaltung gleich, die aus guten Gründen in den eigenen Grenzen derzeit fast überall verboten ist.

Das ist kein Appell für eine möglichst lange Beibehaltung der jetzigen Sperren. Aber wer die Grenzen wieder öffnet, sollte eine möglichst hohe Gewissheit haben, dass dies nicht zu einem höchst lebendigen Im- und Export des Coronavirus wird. Dafür lohnt es sich, Gefahren abzuwägen und Risiken zu scheuen. Europa hat durch diese Pandemie schon zu viele Opfer zu beklagen. Und, daran darf man erinnern, es waren auch viele Winterurlaubsreisen, die die Krankheit in zahlreiche Mitgliedstaaten brachte. Das darf nicht ein zweites Mal passieren.

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