Kommentar

Vorsicht!

Archivartikel

Stefan Vetter warnt trotz der Bertelsmann-Studie vor Populismus

Gefühlt demonstrieren Rechtsradikale, Reichsbürger oder Verschwörungstheoretiker beinahe jeden Tag auf Deutschlands Straßen, um „denen da oben“ einzuheizen. Die verstörenden Bilder von Menschen mit Reichsfahnen auf der Treppe zum Bundestag sind noch taufrisch in Erinnerung. Und da sollen populistische Einstellungen in der Bevölkerung auf dem Rückmarsch sein?

Der entsprechende Befund der Bertelsmann-Stiftung scheint sich nur schwerlich mit den aktuellen Erfahrungen zu decken. Wer laut schreit, ist jedenfalls noch lange nicht in der Mehrheit. Nach einer Forsa-Erhebung halten 80 Prozent der Deutschen die Anti-Corona-Maßnahmen für angemessen oder sogar ausbaubedürftig. Das Allensbach-Institut hat der Bundesregierung gerade erst einen ungewöhnlich hohen Rückhalt in der Bevölkerung bescheinigt: 78 Prozent bewerten ihre Arbeit als gut oder sehr gut – trotz aller Widersprüche und Ungereimtheiten, die es bei den politisch verfügten Einschränkungen der persönlichen Freiheiten zweifellos gab und gibt.

Dass die Stimmung im Land „kippen“ würde, ist der Wunsch einer Minderheit. Gleichwohl kann auch die Minderheit zur Gefahr werden, wenn sie sich immer stärker radikalisiert. Das ist nach Erkenntnissen der Bertelsmann-Forscher vor allem bei AfD-Wählern der Fall. Fast zwei Drittel von ihnen glauben, dass die Corona-Demonstranten die Mehrheit im Land hinter sich haben. Von ihrem Irrtum befreien könnte man sie wohl nur, wenn Millionen andere ihr Schweigen brechen würden. Warum eigentlich nicht? Der Bertelsmann-Befund ist jedenfalls kein Grund zur Entwarnung.