Kommentar

Vorsicht geboten

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Marc Stevermüer zur Situation der DFB-Auswahl

 

André Schürrle flankt, Mario Götze trifft: Die 113. Spielminute im WM-Finale von 2014 im legendären Maracana wird für jeden deutschen Fußball-Fan unvergessen bleiben. Der 1:0-Sieg über Argentinien belohnte die jahrelange Arbeit, die ihren Ursprung Anfang des Jahrtausends in der radikalen Neustrukturierung der Nachwuchsarbeit hatte. Es folgten zuletzt der Confed-Cup-Sieg mit einer B-Auswahl und der EM-Triumph einer ersatzgeschwächten U 21 vor knapp neun Monaten – und spätestens seit diesem Zeitpunkt wird zurecht von rosigen Aussichten für den deutschen Fußball gesprochen.

Es gibt eine große Auswahl . . .

Für diese These spricht: Toni Kroos ist im Vergleich zum WM-Triumph von 2014 noch einmal besser und reifer geworden. Thomas Müller hat seine Formkrise hinter sich gelassen. Neue Stars wie Leroy Sané und Ilkay Gündogan drängen trotz ihrer schwachen Auftritte gegen Brasilien in die Startformation, in der Senkrechtstarter Timo Werner seinen Platz sicher haben dürfe.

Aus mehr als 30 Spielern kann Bundestrainer Joachim Löw wählen – und im Gegensatz zu früher, als sich Lukas Podolski trotz mäßiger Auftritte seiner Nominierung stets sicher sein konnte, gilt mittlerweile mehr denn je das Leistungsprinzip. Das Angebot an erstklassigen Spielern ist schlichtweg zu gut, als dass der Bundestrainer noch jemanden wegen vergangener Verdienste mitnimmt. Die Nichtnominierung von WM-Held Götze für die zurückliegenden Tests dürfte deshalb nicht nur ein loser Wink, sondern ein ernsthafter Warnschuss gewesen sein und unterstreicht einmal mehr das große Reservoir, aus dem der Bundestrainer schöpfen kann.

. . . und ein paar Fragezeichen

Das alles hört sich gut an – und angesichts der in den vergangenen Jahren gezeigten Leistungen ist das uneingeschränkte Vertrauen von Löw in seine Mannschaft sowie die demonstrative Gelassenheit auch richtig. Ein „ja, aber“ gibt es allerdings trotzdem. Einen Stürmer der Marke Miroslav Klose, der die Eigenschaften des klassischen Neuners stets mit großem Spielverständnis paarte und gerade deswegen zu den größten Stürmern aller Zeiten zählt, haben die Deutschen nicht. Kein Mario Gomez, kein Sandro Wagner und auch kein Timo Werner bietet das Gesamtpaket eines Miroslav Klose. Rechtsverteidiger Phillip Lahm ist und bleibt unersetzlich, gerade auch in der Defensive. Er war einfach Weltklasse – und das ist Joshua Kimmich (noch) nicht. Und dann wären da noch die Personalien Marco Reus und Julian Draxler für die Position auf der offensiven linken Außenbahn. Der eine war monatelang verletzt – und ist stets anfällig für neue Wehwehchen. Der andere sitzt in Paris regelmäßig nur auf der Bank.

Viel spricht trotzdem dafür, dass die Deutschen bei der Weltmeisterschaft weit kommen – allein schon wegen der recht günstigen Auslosung. Die aktuelle Mannschaft allerdings für besser als die Auswahl von 2014 zu halten, ist gefährlich, vorschnell und sogar ein wenig respektlos. Denn diesen Nachweis muss das DFB-Team im Sommer 2018 erst noch erbringen.

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