Kommentar

Vorsichtige Wende

Rolf Obertreis zu den Beschlüssen der EZB

Die Klarheit ist gut, Illusionen aber sind fehl am Platz. Auch nach dem erfreulichen Beschluss der Europäischen Zentralbank (EZB) im fernen Riga, bis Ende des Jahres nach und nach das Programm zum Kauf von Anleihen der Euroländer auslaufen zu lassen, sind die Geldschleusen der Notenbank nicht mit einem Mal geschlossen. Immerhin aber bringt der Entschluss des EZB-Rates Klarheit über die von vielen – auch von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann – schon länger geforderte Wende der Geldpolitik. Viele Experten hatten erst Ende Juli mit einem solchen Votum gerechnet.

Ganzen Euroraum im Blick

Die Wende kommt also, aber sie kommt zurecht nur vorsichtig. Zwar bewegt sich die Inflationsrate in die von der EZB als Maß für Preisstabilität gewünschte Richtung von knapp zwei Prozent. Aber der Aufschwung hat sich etwas abgeschwächt, unter anderem, weil zunehmender Protektionismus den Welthandel bremsen könnte. Würden die geldpolitischen Zügel zu abrupt angezogen, könnte das die Konjunktur dämpfen und damit auch den Kampf gegen hohe Arbeitslosigkeit in den südeuropäischen Euro-Staaten erschweren. Allein auf Deutschland zu schauen, ist zu wenig – die EZB muss den gesamten Euroraum im Blick haben. Und da gibt es immer noch Problemländer wie Griechenland, auch wenn es dort allmählich vorangeht. Oder Italien, wo es eher Rück- statt Fortschritte gibt.

Die Finanzmärkte, Banken und die Wirtschaft können sich jetzt auf die neue Lage einstellen und besser planen. An der Börse atmet man nicht umsonst auf. Die EZB beseitigt ein Stück Unsicherheit. Unternehmen müssen aber nicht mit rasch steigenden Zinsen für Kredite rechnen. Es geht mit den Zinsen wohl nur in kleinen Schritten nach oben, und das auf immer noch sehr erträgliche Niveaus. Das gilt umgekehrt auch für die Einlagezinsen. Hier wird die geldpolitische Korrektur viel langsamer ankommen, weil Banken sie erfahrungsgemäß nur mit Verzögerung an die Sparer weitergeben.

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