Kommentar

Walter Serif über die Vergabe des Friedensnobelpreises an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen

Weck- und Hilferuf

Archivartikel

Walter Serif über die Vergabe des Friedensnobelpreises an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen

WFP? Hand aufs Herz, wer weiß schon, was sich hinter dieser Abkürzung verbirgt? Mit dem Friedensnobelpreis für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen hat sich das Osloer Komitee zum prominenten Anwalt der vielen Millionen Hungernden gemacht, die seit Corona ein noch grausameres Schicksal erleiden müssen. Paradoxerweise sitzen aber viele jener Länder auf der Anklagebank, die selber Mitglied in der UN-Organisation sind und das Elend zugelassen haben. Den Vorsitz hat mit dem Republikaner David Beasley übrigens ein Parteifreund Donald Trumps, der getreu seines Mottos „Amerika zuerst“ die Arbeit der Vereinten Nationen immer mehr boykottiert und zum Beispiel den Austritt der USA aus der Weltgesundheitsorganisation WHO vollzogen hat. Deshalb galt sie auch als eine Favoritin für den Preis, womöglich wollte das Komitee aber kurz vor der Präsidentenwahl keine politische Ohrfeige an Trump verteilen.

Während die Hälfte der ärmsten Menschen in den fünf afrikanischen Ländern Nigeria, Kongo, Tansania, Äthiopien und Madagaskar lebt, hat sich der Hunger in den vergangenen Jahren auf viele Staaten ausgebreitet. Es wäre einseitig, die Ursachen allein mit hausgemachten Problemen wie hohem Bevölkerungswachstum, Misswirtschaft oder Bereicherung der Eliten zu erklären.

Eine zunehmend größere Rolle spielen Kriege. Auch da stimmt das gerne verwendete Klischee von irgendwelchen Stämmen, die sich irgendwo die Köpfe einschlagen, neben dem rassistischen Zungenschlag nicht mit der Wirklichkeit überein: ohne Waffen kein Krieg. Die Rüstungsgüter kommen von UN-Mitgliedern, die beim Kampf gegen den Hunger knausern, mit ihren Rüstungsexporten aber viel Geld verdienen.

Diesen Widerspruch kann auch die UN-Organisation, deren Auftrag unpolitisch ist, nicht auflösen. Ihre Mittel sind oft der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Ein Paradebeispiel dafür ist der Jemen. Auf der Arabischen Halbinsel spielt sich seit Jahren eine Katastrophe ohnegleichen ab. Es kommt alles zusammen: ein blutiger Bürgerkrieg, den ausländische Mächte wie Saudi-Arabien befeuern und mit einer Militärintervention sogar zum Kochen gebracht haben. Rund 80 Prozent der Bevölkerung, also 24 Millionen Menschen, sind inzwischen auf Hilfe angewiesen.

Diese können die Vereinten Nationen nicht leisten, die dramatischen Appelle, das Leid dieser Verdammten der Erde zu lindern, verhallte ohne Echo. Im Jemen hat WFP deshalb fast schon kapitulieren müssen. Die Gelder wurden um die Hälfte gekürzt.

Auch die berechtigte Freude der WFP-Mitarbeiter über die Auszeichnung ändert nichts an dem gewachsenen Egoismus der Staaten. In Zeiten von Corona ist sich erst recht jeder selbst der Nächste. Nächstenliebe oder Solidarität – diese Werte drohen wertlos zu werden. Deshalb ist der Friedensnobelpreis für das Welternährungsprogramms auch eine Art verzweifelter Weck- und Hilferuf.

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