Kommentar

Weichenstellung

Archivartikel

Detlef Drewes erwartet eine breite gesellschaftliche Debatte über Gefahren und Chancen der Gentechnik

Es ist ein kluges Urteil. Weil es wegweisend ist. Und weil es gentechnische Methoden nicht verurteilt, sondern lediglich den bisher geltenden Sicherheitsüberprüfungen unterwirft.

Die Richter haben klargemacht, dass jeder Eingriff in die DNA von Organismen unabhängig von der Methode kontrolliert zu verlaufen hat. Es kann nicht gleichgültig sein, auf welchem Weg eine Pflanze oder gar ein Lebewesen verändert wird, weil jeder Eingriff in die Genstruktur Risiken birgt – und deshalb nicht ohne Überwachung, Rückverfolgbarkeit und Prüfung erfolgen darf. Es ist Unsinn, wenn die enttäuschten Unternehmen, Wissenschaftler und Landwirte nun sagen, Europa vertue einmal mehr die Chance, neue Forschung zu ermöglichen. Denn die Richter haben neue Wege nicht verboten, sondern die Endprodukte lediglich den Auflagen unterworfen, die auch bisher schon galten und sich bewährten.

Das ist eine Weichenstellung, die die Genforschung nicht in die Schranken weist, die Verbraucher aber vor eventuellen Gefahren schützt. Dabei ging es den beteiligten Züchtern und Unternehmen eigentlich um etwas anderes: Sie hatten darauf gehofft, die Gentechnik aus dem Abseits gesellschaftlicher Ächtung herauszuholen, indem sie sich Methoden bedienen, die durchaus auch Ergebnis natürlicher Abläufe sein könnten. Da das so ist, wollten sie Sicherheit und Kennzeichnung aushebeln.

Diese Denkweise erscheint nicht verwerflich. Man kann durchaus den Standpunkt vertreten, dass die Ablehnung der Gentechnik irrational sei und zugunsten neuer Pflanzensorten überwunden werden muss. Zumal es längst nicht mehr nur Umweltaktivisten sind, die beispielsweise gegen die Pestizid-Belastung von Agrarprodukten zu Felde ziehen. Mit neuen Sorten aus den Labors wäre dies leichter möglich. Trotzdem befürchtet ein großer Teil der europäischen Verbraucher, dass die wachsende Zahl der Eingriffe in die Genstruktur von Pflanzen und Lebewesen mehr Risiken als Nutzen bringt – und vor allem nicht beherrschbar bleibt.

Das Urteil aus Luxemburg schafft Rechtsklarheit. Das ist gut für die Bürger und die Wissenschaft. Dennoch bleibt weder Deutschland noch der EU ein neuer Streit um gentechnisch manipulierte Organismen erspart. Denn die Forschung kommt einer quasi-natürlichen Veränderung von Pflanzen und Lebewesen immer näher.

In wenigen Jahren, sagen Wissenschaftler heute, werde man auch ohne Eingriffe in Genstruktur erwünschte Anpassungen herbeiführen können. Damit verlöre die EU-Richtlinie ihr wichtigstes Argument: Denn dann findet keine Manipulation des genetischen Materials mehr statt. Was dann?

Der europäische und der deutsche Gesetzgeber, aber auch die Öffentlichkeit brauchen eine neue Debatte – weniger über die Frage, wie weit Gentechnik gehen darf, sondern vielmehr über die Frage, welche Veränderungen an Fauna und Flora sie zu akzeptieren bereit sind. Diese Diskussion hat auch eine zutiefst moralische Komponente, wie sich schon jetzt gezeigt hat: Darf man mit Hinweis auf ethische Grundsätze das Entstehen von Pflanzen bremsen, die die Hungersnöte in den trockenen Regionen der Entwicklungsländer bekämpfen könnten?

Die Vorstellung einer Chemiebranche, die über den Schlüssel für die Zukunft der Menschheit herrscht, mag für viele beängstigend sein. Aber für sehr viele bleibt sie ein Hoffnungsschimmer. Der EuGH hat mit seinem Urteil klar gemacht, dass die Risiken solcher Entwicklung höher zu bewerten sind als jeder Nutzen. Das ist gut so. Aber damit kann und wird die Diskussion nicht zu Ende sein.

 
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