Kommentar

Wende mit Wagner

Archivartikel

Alexander Müller lobt die Entwicklung beim FC Schalke 04

Fans des FC Schalke 04 müssen sich nach sechs Bundesliga-Spieltagen in einem Fußball-Paralleluniversum wähnen. Desolat, willenlos, chaotisch – mit verstörenden Auftritten waren die Gelsenkirchener in der vergangenen Spielzeit fast in die 2. Liga geschlittert. Als David Wagner dem stolzen Traditions-club im Sommer zusagte, lag er am Boden. Was seitdem passiert ist, gleicht einer Sensation. Der Trainer aus Geinsheim im südhessischen Ried hat die Schalker in Rekordzeit wieder aufgerichtet und schickt eine im Vergleich zur Vorsaison wie ausgewechselte Mannschaft auf den Platz, die wie beim bemerkenswerten 3:1-Sieg gegen den bisherigen Tabellenführer Leipzig noch für so manche Überraschung gut sein dürfte.

Was ist denn da passiert? Auch wenn es profan klingt: Die Hauptursache des rasanten Aufwärtstrends hat mit klassischer Trainerarbeit zu tun. Der frühere Waldhof-Profi Wagner hat ein klares (offensiveres) Spielsystem vorgegeben und seine Spieler dabei – fast noch wichtiger – in vielen Vier-Augen-Gesprächen mitgenommen. Der schon als „Problem-Profi“ gebrandmarkte Amine Harit etwa ist nicht wiederzuerkennen und zahlt das in ihn gesetzte Vertrauen plötzlich mit Glanzleistungen zurück. Die Stärken des aktuellen Schalker Teams lesen sich wie das genaue Gegenteil der langen Defizitliste der vergangenen Saison: mannschaftliche Geschlossenheit, körperliche Präsenz, Widerstandsfähigkeit, Tempospiel, Selbstbewusstsein.

Neben dem sportlichen Erfolg stimmen aber auch die weichen Faktoren: Wagner kommt mit seiner bodenständigen, ungekünstelten Art im Ruhrgebiet an, die Schalker kaufen ihm die Identifikation mit dem Verein ab. Der Trauzeuge von Jürgen Klopp, mit dem ihn eine jahrelange Freundschaft und die Vorliebe für Pressingfußball verbindet, könnte sich mit diesem vielversprechenden Gesamtpaket zu der dauerhaften Lösung auf dem Trainerposten entwickeln, nach der sich Schalke im Grunde seit der ersten Amtszeit von Huub Stevens (1996 bis 2002) sehnt.