Kommentar

Werbung für die Bundesliga

Archivartikel

Alexander Müller zur Europapokal-Saison der Eintracht

Das Kontingent an Fußball-Wundern war nach den Vorkommnissen in Liverpool und Amsterdam für diese Woche offenbar aufgebraucht. Eintracht Frankfurt ist im Halbfinale der Europa League auf maximal unglückliche Weise beim individuell deutlich besser besetzten FC Chelsea ausgeschieden – und darf dennoch voller Stolz die Heimreise antreten.

Die Hessen haben nach Jahren der gesammelten deutschen Peinlichkeiten in der Europa League mit ihrem Parforceritt auf internationalem Parkett Werbung für die schwächelnde Bundesliga gemacht. Und sie haben ihren Fans mit leidenschaftlichem Mentalitätsfußball unzählige Glücksmomente geschenkt – ob daheim im Stimmungstempel am Stadtwald oder in Rom, Marseille, Mailand und Lissabon –, von denen diese noch sehr lange zehren werden. Dabei gebührt den Anhängern auch ein Teil des Kompliments selbst: Wie sie den Europapokal annahmen mit ihren großartigen Choreographien vor stets ausverkauftem Haus und das Team mit echten Massenpilgerungen auswärts unterstützten, war vorbildlich.

Quantensprung hingelegt

Die Perspektiven des Clubs, der – man muss in diesen Tagen daran erinnern – noch vor ein paar Jahren ein notorischer Abstiegskandidat war, haben sich auf allen Ebenen verbessert. Kein deutscher Traditionsverein hat im vergangenen Jahrzehnt innerhalb so kurzer Zeit einen solchen Quantensprung bei der Entwicklung hingelegt. Der Pokaltriumph gegen die Bayern 2018 und die sensationelle Reise durch Europa in dieser Saison sind nicht nur für das Image der Eintracht unbezahlbar, sondern haben auch knapp 40 Millionen Euro in die Kasse gespült. Sturmjuwel Luka Jovic dürfte bei einem Verkauf im Sommer weitere 50 bis 70 Millionen Euro Ablöse einspielen – genug Geld ist also da, um den Kader für die kommenden Jahre zukunftstauglich aufzustellen.

Da Vorstandschef Fredi Bobic mit der Verpflichtung des hierzulande vorher weitgehend unbekannten Adi Hütter als Trainer goldrichtig lag, scheint ein Absturz unwahrscheinlich, auch wenn neben Jovic weitere Leistungsträger den Verein verlassen sollten. Die Eintracht hat das Potenzial, sich dauerhaft im oberen Tabellendrittel festsetzen.

Zur Ironie der Geschichte könnte allerdings die Tatsache werden, dass die Doppelbelastung, von der bei den Frankfurtern in der kompletten Saison nichts zu spüren und zu hören war, am Ende doch noch alle sportlichen Ziele kosten kann. Nach dem bitteren Aus im Elfmeterschießen an der Stamford Bridge braucht die körperlich und mental erheblich angeknockte Eintracht am Sonntag im Rhein-Main-Duell gegen Mainz einen Sieg. Sonst droht dem Bundesliga-Vierten das bittere Schicksal, am letzten Spieltag in München von der näher gerückten Konkurrenz noch komplett aus den Europapokal-Plätzen gekegelt zu werden. Und das hätte die Eintracht nach dieser tollen Saison wirklich nicht verdient.

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