Kommentar

Wir müssen reden

Martin Geiger über die seit einem halben Jahr andauernde #MeToo-Debatte: Es ist wichtig, dass über dieses Thema intensiv gesprochen wird

Nein, nicht dieses Thema. Da kann man sich als Mann nur die Finger verbrennen. Das war der erste Gedanke. Er ist falsch. Viel zu lange ist geschwiegen worden. Darum muss man(n) über diese Debatte schreiben – auch ein halbes Jahr nachdem sie in Folge der Vorwürfe schwerer sexueller Übergriffe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein unter dem Stichwort #MeToo begonnen hat.

Sehr viel ist seither gesagt und geschrieben worden. Auch Übertriebenes, Falsches, Diffamierendes. Anders geht es offenbar nicht bei einem Thema, das so viele Emotionen auslöst, und in einer Zeit, in der sich im Internet jeder ständig anonym zu Wort melden kann. Doch nun, da die Welle etwas abebbt, besteht die Chance, auf den Grund zu schauen. Oder in den Abgrund.

Hat #MeToo etwas verändert? Ja. Unzählige Frauen weltweit haben sich plötzlich getraut, von ihrem Leid zu berichten, Initiativen sind entstanden, manche Männer haben zugehört, manche sogar verstanden. Hat sich genug geändert? Nein! Darum sollten wir weiterreden. Nicht mehr übereinander, sondern miteinander – über einiges. Nicht über einzelne Personen, heißen sie Weinstein oder Wedel. Das ist Sache der Juristen. Nicht über Vergewaltigungen oder Nötigungen. Das sind Verbrechen, die bestraft gehören. Worüber wir reden müssen, sind die Strukturen hinter all dem.

Wir müssen reden über das Busengrapschen, über den schmierigen Witz, über die nächtliche WhatsApp des Chefs. Über den Alltagssexismus also, der zwar kein Trauma hinterlässt, aber ein Gefühl der Ohnmacht, der Erniedrigung, des Ausgeliefertseins. Darüber, dass offenbar mindestens jede zweite Frau in Deutschland eine dieser Geschichten erzählen kann. Und wir Männer das nicht wissen. Oder es uns nicht bewusst machen. Über Macht müssen wir reden, die meist hinter solchen Vorfällen steckt, und die es den Betroffenen so schwer oder unmöglich macht, sich zu wehren. Über Auswege aus dem Dilemma, das den Taten innewohnt: dass sie sich fast nie beweisen lassen, am Ende oft Aussage gegen Aussage steht und man kein Jurist sein muss, um sich den Rest vorzustellen – weshalb die meisten lieber schweigen.

Wir müssen reden, was wir anderen tun können, um den Betroffenen zu helfen, und zwar, bevor etwas geschieht. Wie wir auch in diesem Bereich zu mehr Zivilcourage kommen. Und über Grenzen müssen wir reden. Denn natürlich darf die Beziehung zwischen Mann und Frau auch in Zukunft nicht von Hemmungen, Ängsten oder Schuldgefühlen dominiert werden. Der offene Umgang mit Sexualität ist ein großer Gewinn. Die erste Regel eines solchen Umgangs lautet aber: Grenzen respektieren. Wo auch immer der andere sie zieht. Klar sind viele Männer inzwischen verunsichert. Und das ist gut so. Nur so hinterfragen wir unsere eingeübten Verhaltensmuster.

Und wo wir gerade dabei sind: Wir müssen auch über Rollenbilder reden. Welche vermitteln etwa Sendungen wie „Germany’s next Topmodel“? Welche treiben fast jeden jungen Mann ins Fitnessstudio, um sich aufzupumpen? Und an welche haben wir uns schon so gewöhnt, dass sie uns gar nicht mehr auffallen? Oder kennen Sie eine dicke, pickelige Stewardess? Eine Hostess? Eine Sekretärin? Oder noch besser: einen dicken, pickeligen Sekretär? All das sind Mosaiksteine einer Gesellschaft, in der Frauen noch zu oft über das Äußere definiert werden. Oder gar darauf reduziert. Bausteine eines Ungleichgewichts, der Nährboden für #MeToo. Bei einer Umfrage vor wenigen Tagen hat übrigens etwa jeder Zweite angegeben, noch nie etwas von der Debatte gehört zu haben. Noch ein Grund, weiter darüber zu reden. Vielleicht sogar einmal mit unseren Partnerinnen.